Woche der Kritik 2021

Die Berlinale 2021 zeigt ihre Filme in der kommenden Woche nur einem kleinen Kreis von Auserwählten (Branchen- und Pressevertretern). Viel Kritik gab es dafür, dass das breite Publikum erst im Juni die aktuelle Filmauswahl sehen kann, sofern die Corona-Lage dies zulässt.

Anders geht die „Woche der Kritik“ vor: seit 2015 hat sich dieses kleine, aber feine Festival zeitlich an die Berlinale angedockt. Vor Corona wurden im Programmkino im obersten Stockwerk der Hackeschen Höfe ungewöhnliche Nischenfilme vorgestellt, ausgiebig diskutiert und analysiert. Das Programm der „Woche der Kritik“ 2021 ist ab dem morgigen Samstag, 27.2., bis zum 7.3. online abrufbar, die Diskussionen werden live gestreamt.

Vorab möchte ich auf zwei Filme des 2021er Jahrgangs aufmerksam machen: der bekannteste Name ist sicher Sion Sono. Auch nach seiner Herzattacke dreht der japanische Regisseur hochproduktiv, fast schon manisch einen Film nach dem nächsten.

Sein vorletzter Film „Red Post on Escher Street“ feiert bei der „Woche der Kritik“ seine Deutschland-Premiere, das aktuellste Werk wurde gerade erst Ende Januar in Sundance uraufgeführt.

„Red Post on Escher Street“ ist eine überlange, schrullige Satire auf das Filmbusiness: im Zentrum stehen hysterische Groupies, die alles dafür geben würden, im Film ihres Regie-Idols mitzuspielen – wenn es beim Casting nicht mit der Hauptrolle klappt, dann eben als Statistinnen -, und der vergötterte Jung-Regisseur, der aus den Zwängen der Filmindustrie ausbrechen will und die Vorgaben seiner Produzenten immer wieder unterläuft.

Der Film hat seine Momente zum Schmunzeln und eine anarchische Idee, ist aber meilenweit vom funkensprühenden Ideen-Feuerwerk entfernt, das z.B. „Love Exposure“ im Forum der Berlinale 2008 auszeichnete.

Aus Thomas Arslans Meisterschüler-Kurs an der UdK präsentiert Caroline Pitzen bei der „Woche der Kritik“ ihr Debüt „Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun“. Der mittellange 71minütige Film wurde von der Regisseurin im Kollektiv mit Laien entwickelt.

Fast wie eine Dokumentation wirkt diese Milieustudie über politisch engagierte Jugendliche: die Hauptdarsteller*innen brachten offensichtlich viel aus ihrer Lebenswirklichkeit in dieses fiktionale Werk ein und diskutieren darin die Fragen, die sie umtreiben: Wie lässt sich die Schule als freierer Lernort ohne Leistungsdruck gestalten? Mit welchen Protestformen kann man effektiv gegen den Gentrifizierungs-Prozess mobilisieren? Welche Spielräume bietet unsere nach den Regeln der Marktwirtschaft organisierte Gesellschaft für alternative Lebensstile?

Copyright: OKNO und Markus Koob

In den Diskussionen der Schülerinnen und Schüler, die von einer „Club 2“-Archiv-Aufnahme von Ronald M. Schernikau und einem Mitschnitt einer Demo-Rede zum NSU-Skandal eingeleitet werden, erfahren wir zwar wenig Neues, aber „Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichstun“ ist eine sympathische Milieustudie über den radikaleren Flügel der „Generation Greta“.

Vorschaubild: 2021 „Red Post on Escher Street“ Film Partners

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