Brechtfestival 2021

Ihren Einstand als Intendanten-Duo des Augsburger Brecht-Festivals konnten Jürgen Kuttner und Tom Kühnel noch als analoges Spektakel feiern, bevor die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 hereinschwappte.

Dass ihre zweite Festival-Ausgabe nicht im gewohnten Rahmen stattfinden könnte, war früh klar. Deshalb entschieden Kuttner/Kühnel schon im Herbst, das Brechtfestival ins Netz zu verlegen. Die 23 Bühnenaufführungen, Konzerte und Performances, die sie sich für die 10 Festival-Tage ausgedacht haben, sollten aber nicht einfach nur abgefilmtes Theater sein, sondern gezielt für das Online-Medium weiterentwickelt werden.

Zum Auftakt inszenierten die beiden Festival-Chefs in Kooperation mit dem Staatstheater Augsburg den experimentellen Theaterfilm „Medeamaterial“ nach Heiner Müllers Argonauten-Triptychon aus dem Jahr 1983. Schon dieser Text ist kein traditionelles, leicht konsumierbares Theaterstück, sondern eine sperrige, postdramatische Textcollage. Kuttner/Kühnel drehen die Schraube noch eine Umdrehung weiter und machen aus der Müller-Vorlage einen 40-minütigen filmischen Essay: der Meister selbst, das kettenrauchende Orakel aus Lichtenberg, ist vom Band zu hören; Filmschnipsel von Ulrike Meinhof oder Pier Pasolini werden aus dem Archiv eingestreut; unterlegt vom Klangteppich von Lila-Zoé Krauß und Helena Ratka flüstern und raunen die drei Spielerinnen Elif Esmen, Natalie Hünig und Christina Jung die archaischen Textbrocken und ihre Assoziationen.

Sehr düster und sperrig ist dieser Festival-Auftakt. Überraschend fehlt die (selbst)-ironische Leichtigkeit und das Poppig-Revuehafte, das üblicherweise Regie-Arbeiten von Kuttner/Kühnel auszeichnet, die regelmäßig in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin inszenieren. Üblicherweise lässt es sich Kuttner nicht nehmen, als Conférencier die Handlung zu kommentieren und ins Spiel einzugreifen, diesmal beschränkte er sich auf die Regie und eine kurze Ankündigung aus dem Festivalstudio.

Schwermütig und bedrückend geht es auch im nächsten Live-Stream-Schnipsel des Eröffnungs-Abends weiter. Suse Wächter wurde eingeladen, mit ihren Puppen aus der Reihe „Helden des 20. Jahrhunderts“ kurze Musik-Video-Clips zu Texten und Liedern von Brecht/Weill zu performen. Den Auftakt macht sie mit Rosa Luxemburg am Ufer des Landwehr-Kanals und der „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“, die der junge Brecht zu Ehren der ermordeten sozialistischen Polit-Ikone bereits 1919 schrieb.

Suse Wächter, Puppenspielerin, und ihre Helden des 20. Jahrhunderts; © Tobias Kruse/Ostkreuz

Die erhoffte Leichtigkeit zieht erst im zweiten Clip des Abends ein: die Puppe des Star-Tenors Luciano Pavarotti lässt sich von Suse Wächter auf der Massage-Bank in der Kabine des Stadions an der Alten Försterei von Union Berlin durchkneten, liefert sich mit ihr munteren Small-Talk über das Lampenfieber und schmettert Brechts berühmte „Kinderhymne“.

Zwischen den beiden ersten Clips von Suse Wächter, die bis zum Ende des Festivals am 7. März noch zahlreiche weitere Promis aufmarschieren lässt, gab es einen kurzen, punkigen Gruß aus dem Dakh Theatre in Kiew, bei dem leider die Stream-Verbindung mehrfach stockte. „Dakh Daughters“ nennt sich die siebenköpfige Frauen-Band, die sich 2012 gründete, 2014 die Proteste auf dem Maidan unterstützte und 2017 schon einmal beim Brechtfestival eingeladen war.

Dakh Daughters; © Tetiana Vasylenko

Glücklicherweise haben die Brecht-Erben mittlerweile eine liberalere, entspanntere Haltung zu den Themen Werktreue und Urheberrecht, so dass die ukrainischen Künstlerinnen einen eigenwilligen, rauhen, punkigen Zugriff auf die Brecht/Weill-Songs präsentieren durften.

Der zweite Festival-Abend stand ganz im Zeichen prominenter Gäste aus Berlin. „Ich bin ein Dreck“, stöhnt Stefanie Reinsperger im gleichnamigen Theaterfilm und robbt sich mit vollem Körpereinsatz durch das Herbst-Laub. In einer sichtlich heruntergekommenen Dusche wartet bereits Wolfgang Michael, der wie Reinsperger am Berliner Ensemble engagiert ist.

In dieser assoziativen Collage, die Reinsperger gemeinsam mit Akin Isletme konzipierte, treffen kurze Auszüge aus Brecht-Tagebüchern und Schnipsel seiner Dramen auf Texte von den Frauen in seinem Leben, seinen Geliebten und Co-Autorinnen. Mal schlüpft Reinsperger in die Rolle der Magd Grusche aus Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“, mit der sie 2017 ihren Einstand am Berliner Ensemble feierte, mal rezitiert Michael verzweifelte Brecht-Sätze.

Stefanie Reinsperger und Wolfgang Michael; © Hamdemir & Isletme

Die sehr verqualmte kurze Collage ist aber zu sprunghaft, die Anordnung der Texte wirkt recht willkürlich, so dass der Film weniger eindringlich wirkt als erhofft.

Mit Puppentheater und Scherenschnitt arbeitet der zweite Berliner Bühnen- und Leinwandstar: Corinna Harfouch montierte in ihrem Theaterfilm, den sie mit Hannah Dörr erarbeitete, Schlüsselszenen aus Brechts Lehrstück „Die Mutter“ neben Auszüge aus dem „Fabriktagebuch“ der französischen Philosophin Simone Weil. Beide Texte sind thematisch eng verwandt: sie erzählen von dem langsamen Prozess, in dem die jeweilige Protagonistin sich der Ungerechtigkeit der kapitalistischen Produktionsprozesse bewusst wird. In Brechts Lehrstück wandelt sich eine Proletarierin im Zarenreich zur Klassenkämpferin, das Tagebuch von Simone Weil zeichnet nach, wie sich der Blick der Tochter aus großbürgerlichem, jüdischem Haus für soziale Gegensätze schärfte.

In seiner Umsetzung kam der Theater-Kurzfilm „Fabriktagebuch/Die Mutter“ jedoch nicht über eine Fingerübung hinaus: Die Passagen aus Weils Tagebüchern liest Harfouch am Schreibtisch sitzend. Die Auszüge aus „Die Mutter“, die dazwischengeschaltet werden, sind kleine, launige Miniaturen, in denen wenig vom revolutionären Impetus bleibt, der legendäre Inszenierungen dieses Brecht-Dramas wie z.B. Peter Steins/Frank-Patrick Steckels Aufführung mit Therese Giese in der Hauptrolle an der Schaubühne im Jahr 1970 auszeichnet.

Corinna Harfouch liest aus dem „Fabriktagebuch“; © Brechtfestival

Auch am zweiten Brechtfestival-Abend waren wieder kurze Video-Clips von Suse Wächter zu erleben, diesmal mit zwei Antipoden aus der Endphase des Kalten Kriegs: Die Puppe von Erich Honecker sächselt am wuchtigen Schreibtisch, der viel zu groß für ihn ist, vor sich hin, Helmut Kohl rauscht in einer Limousine durch das nach dem Mauerfall hochgezogene Berliner Regierungsviertel und denkt über die Macht des Kapitals nach. Diese beiden Kabarett-Nummern sind jedoch nicht ganz so gelungen wie die Luciano Pavarotti-Parodie am Vortag.

Vorschaubild zu „Medeamaterial“: Jan-Pieter Fuhr

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