Berlinale Shorts 2021

Der Goldene Bär für den besten Kurzfilm der Berlinale 2021 geht an Olga Lucovnicova aus der Republik Moldau für „My Uncle Tudor/Nanu Tudor“. Während die Tanten ihren Alltagsbeschäftigungen nachgehen, stellt Lucovnicova ihren Onkel mit der Handkamera zur Rede. Er macht Ausflüchte, relativiert, spielt herunter, beteuert, dass er ihr doch nie etwas antun, sondern nur mit ihr spielen und Spaß haben wollte.

Diese kleine Low Budget-Arbeit ist das bedrückende Dokument einer typischen Missbrauchs-Konstellation: Wie der Abspann betont, kommen die meisten Fälle im Familienkreis vor.

Um eine Rückkehr eines jungen Erwachsenen zu den Verwandten geht es auch in „Day is done/Xia Wu Guo Qu Le Yi Ban“ von Zhang Dalei: die sommerliche Elegie gewann den Silbernen Kurzfilm-Bären und plätschert friedlich dahin. Der Filmemacher besucht seinen Großvater, blättert im Garten in Fotoalben und schaut mit ihm gemeinsam seinen Debütfilm an. Als die Eltern zum Aufbruch drängen, blickt der Großvater seinem Enkel lange wehmütig nach. Da sein Auslandsstudium in Moskau beginnt, wird er ihn mindestens ein Jahr nicht sehen.

Der dritte Kurzfilm-Preisträger ist der Animationsfilm „Easter Eggs“ des Belgiers Nicolas Keppens: Kevin blickt zu seinem Kumpel Jason auf, der ihn nur mobbt und herumkommandiert. Diese kleine Geschichte einer toxischen Freundschaft schlug die Berlinale Shorts-Jury für den Europäischen Filmpreis vor.

Aus dem Off erinnert die Kolumnistin und Bestseller-Autorin Sibylle Berg in Güzin Kars „Deine Straße“ an Saime Genç. Das vierjährige Mädchen war das jüngste Opfer des rechtsextremen Brandanschlags auf das Wohnhaus einer türkischen Familie am Pfingstsamstag 1993. Jahre später wurde eine Straße in der Bonner Peripherie nach ihr benannt. Während die Kamera die Tristesse entlangfährt, mahnt Bergs Kommentar, die Opfer rechten Terrors nicht zu vergessen.

Bild: Güzin Kar

Eine unkonventionelle Hommage an zwei verstorbene Aktivist*innen des Arabischen Frühlings und gegen Ägyptens Präsident al-Sisi ist der „International Dawn Chorus Day“ des zweifachen kanadischen Teddy-Gewinners John Greyson. Er unterlegt Vogel-Gezwitscher mit Off-Kommentaren, so dass ein vielstimmiges Erinnerungs-Konzert an den Filmemacher Shady Habash, der wegen satirischer Musikvideos verhaftet wurde und unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starb, und an Sarah Hegazi, die inhaftiert wurde, da sie bei einem Konzert in Kairo die queere Regenbogenflagge schwenkte. Sie fand Asyl in Toronto, nahm sich allerdings von ihrer Haft traumatisiert das Leben.

Neben dieser Würdigung ägyptischer Aktivisten sollen im Juni noch folgende queere Kurzfilme um den Berlinale-Teddy konkurrieren: Am Küchentisch einer aus China in die USA eingewanderten Familie sprechen in Livia Huangs „More Happiness“ Mutter und Tochter über ihre unterschiedlichen Wertvorstellungen, ihre Erwartungen an eine Ehe, ihre Rollenbilder und darüber, was für sie Glück bedeutet, während Szenen glücklicher, lesbischer Paare dazwischengeschnitten werden. Huang war bereits im vergangenen Jahr mit ihrer afroamerikanischen Basketball-Choreographie „Who can predict what will move you?“ im Kurzfilm-Wettbewerb vertreten.

Von der Einsamkeit nach dem anonymen Sex beim schwulen Cruisen erzählt sehr explizit „Les Attendants/The men who wait“ des Vietnamesen Minh Quy Truong, der zwei ältere franzöische Bergarbeiter und einen schwarzen Migranten aufeinander treffen lässt.

In „A Present Light/Luz de Presença“ des Portugiesen Diogo Costa Amarante findet Gonçalo nach einer toxischen Beziehung neuen Halt bei Diana. Der experimentellste, sperrigste Film der Teddy-Auswahl ist „Blastogenese X“ von Charlotte Maria Kätzl und Conrad Veit, die in ihrem wortlosen, dadaistischen Essayfilm über Natur und Heteronormativität nachdenken.

Vorschaubild aus „Day is done“; © RENCai

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