I care a lot

Sie will eine Löwin sein, kein Lamm: Dieses Lebensmotto hämmert uns Marla Grayson (Rosamund Pike) immer wieder aus dem Off ein und verfolgt es konsequent. Sehr smart hat sie Gesetzeslücken im US-amerikanischen Vormundschaftsrecht erkannt und nutzt sie skrupellos, um sich zu bereichern. Mit ihrer lesbischen Lebensgefährtin, einer Ärztin und einem Pflegeheim-Leiter hat sie ein Netzwerk geknüpft, das wie geschmiert läuft: alleinstehende, aber gut betuchte Seniorinnen und Senioren werden mit Gefälligkeits-Gutachten für dement erklärt, in einer Notfall-Anhörung nickt der Richter ab, dass ein Vormund bestellt werden muss, selbstlos tritt nun Marla auf den Plan und regelt alles Weitere. Die überrumpelten Alten werden abgeholt, ins Pflegeheim gesteckt und mit Pillen sediert, während Marla das Mobiliar und das Aktiendepot versilbert und sich ganz legal bereichert.

Die erste Stunde von „I care a lot“, in der Marla ihr Geschäftsmodell erklärt und bei Jennifer Peterson (gespielt von Broadway- und Woody Allen-Veteranin Dianne Wiest) auftaucht, ist eine ebenso rabenschwarze wie brillante Komödie. Mit den Mitteln des Unterhaltungskinos erzählt der britische Regisseur und Drehbuchautor J Blakeson von realen Missständen im amerikanischen Rechtssystem und im privaten Pflegesektor und liefert zugleich einen bitterbösen Kommentar zum Aufstiegsversprechen des „American Dream“.

I Care A Lot: (L to R) Rosamund Pike as “Martha” and Dianne Wiest as “Jennifer”. Photo Cr. Seacia Pavao / Netflix

In der zweiten, etwas schwächeren Hälfte wechselt „I care a lot“ plötzlich das Genre: der russische Mafia-Pate Roman Lunyov (Peter Dinklage) startet eine Rachefeldzug gegen Marla Grayson, die sich mit den Falschen angelegt hat. Mrs. Peterson ist keine harmlos-reizende ältere Dame, sondern die Mutter des Paten und in die Deals involviert. Mit genretypischen Verfolgungsjagden und einigen Drehbuchschwächen nimmt das Duell der beiden Bösewichter – hier der Boss aus der organisierten Kriminalität, dort die nicht weniger skrupellose, toughe Geschäftsfrau – bis zum finalen Plottwist seinen Lauf.

„I care a lot“ spielt intelligent und unterhaltsam mit den Genres und überzeugt mit einer starken Hauptdarstellerin: die Britin Rosamund Pike bekam den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in der Kategorie Komödie/Musical verliehen. Nach der Premiere in Toronto im September 2020 läuft „I care a lot“ seit 19. Februar 2021 bei Netflix.

Bilder: Cr. Seacia Pavao / Netflix

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