Berlinale 2021: Die Preisträger

Im Wettbewerb der Berlinale kristallisierte sich kein eindeutiger Favorit heraus. Das Mittelmaß und das Unfertige regierten, manche Filme verschanzten sich in manierierten Nischen, wenige bekannte Namen des Weltkinos präsentierten ihre Filme im Rennen um die Bären.

Die beiden wichtigsten Preise konnte die Jury deshalb nur an Filme vergeben, die unbestreitbar ihre Qualitäten, aber auch unübersehbare Schwächen haben.

Radu Jude, der sich in den vergangenen Jahren zu einem Stammgast der Berlinale entwickelte, bekam den Goldenen Bären für „Bad Luck Banging or Loony Porn“, eine schrille Farce mit grotesken Camp-Finale über eine rumänische Lehrerin, die sich für ihren im Netz gelandeten Amateur-Porno auf einer Elternversammlung rechtfertigen muss. Vom ellenlange Webtexte zitierenden Mansplainer über den zotenreißenden Pausenclown bis zum mit rassistischen Stereotypen um sich werfenden Reaktionär ist ein breites gesellschaftliches Spektrum auf diesem Tribunal vertreten.

Radu Judes Film hat seine witzigen Momente, tritt aber zu oft auf der Stelle, vor allem der Mittelteil, in dem er Lexika-Einträge parodiert, kommt zu oft nicht über Flachwitz-Niveau hinaus. Als rasanter, gut geschnittener 45- oder 60-Minüter hätte „Bad luck…“ viel Potenzial, das Jude verschenkt.

Bemerkenswert an diesem Goldene Bären-Gewinner ist auch, dass die Pandemie und die Alltagsmasken in diesem Film, der im Herbst 2020 in Bukarest gedreht wurde, ganz selbstverständlich auftauchen. Die falsch sitzenden Masken (als Kinnschutz oder herauslugende Nasen), auf die sich die Figuren aufmerksam machen, sind ein Running-Gag des Films.

Der Große Preis der Jury ging an den Japaner Ryusuke Hamaguchi für „Wheel of Fortune and Fantasy für drei Miniaturen, die um Verrat, Täuschung und Illusionen in der Liebe kreisen.

In den ersten beiden Geschichten, die klassische Dreiecks-Konstellationen beleuchten, funktioniert dies nicht so recht: elegisch plätschern sie dahin, kaum ein Klischee wird ausgelassen. Erst im letzten Teil beweist Hamaguchi, der 2015 mit „Happy Hour“ in Locarno und 2018 mit „Asako I & II“ in Cannes eingeladen war, seine Meisterschaft: aus der Zufallsbegegnung von zwei Frauen auf der Rolltreppe am S-Bahnhof wird ein raffiniertes Spiel um lesbisches Begehren, das in diesem Berlinale-Jahrgang quer durch die Sektionen sehr häufig sichtbar wurde, verdrängte Wünsche, und täuschende Erinnerungen. Dieses Ende entschädigt für manche Längen der ersten beiden Episoden entschädigt.

Unter den Silbernen Bären-Gewinnern sind auch zwei deutsche Wettbewerbsbeiträge: Maria Speth porträtiert in „Herr Bachmann und seine Klasse“ einen Lehrer, der sich so engagiert um seine Schülerinnen und Schüler kümmert, wie man sich das nur wünschen kann. Der Preis für die beste schauspielerische Leistung wurde erstmals nicht nach Geschlechtern getrennt, sondern als Unisex-Preis vergeben. Dieser Silberne Bär ging an Maren Eggert für ihre Rolle als skeptische Wissenschaftlerin Alma, die sich in Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ in einen humanoiden Roboter verliebt, der nach ihren Wünschen konstruiert wurde.

Der Film basiert auf einer kürzlich in einem Suhrkamp-Sammelband erschienenen Erzählung von Emma Braslavsky und lebt vom Zusammenspiel von Maren Eggert, deren Figur sich zunächst hinter Abwehrmechanismen verschanzt, dann aber bemerkt, dass sie sich doch in die humanoide Maschine verliebt, und ihrem Partner Dan Stevens, der einen perfekten Gentleman mit britischem Akzent mimt. In einer schönen Nebenrolle taucht Sandra Hüller als dauerlächelnde Kundenberaterin der Sci-Fi-Dienstleistungsfirma auf. Ihr Schlagabtausch mit Maren Eggert ist mit seinem feinen lakonischen Witz einer der amüsanten Momente dieses Films.

Maren Eggert ist eine würdige Preisträgerin und das Deutsche Theater Berlin, in dessen Ensemble sie hauptberuflich engagiert ist, kann sich nach den beiden Theatertreffen-Einladungen für „Maria Stuart“ und „Der Zauberberg“ über die dritte Auszeichnung im Lockdown freuen. Wenn die Theater wieder öffnen dürfen, kann es nach dieser Erfolgswelle eigentlich nur noch abwärts gehen.

Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ überzeugt jedoch in der Gesamtbetrachtung nicht: Zu oft ist der Film von süßlicher Klaviermusik unterlegt und an vielen Stellen auch zu vorhersehbar erzählt. Schrader/Homburg liefern wie schon bei ihrer ersten Zusammenarbeit „Vor der Morgenröte“ Wohlfühl-Gefühlskino für das Arthouse-Segment.

Zweifelhaft waren die weiteren Entscheidungen für die Silbernen Bären: Wie im Fließband produziert Festivalliebling Hong Sangsoo elegisch-mäandernde, meist recht kurze Filme. Sein mittlerweile 24. Werk „Introduction“ erzählt von jungen Erwachsenen, die sich gegen dominant-fürsorgliche Eltern wehren, die ihre Karrieren mit ihrem Netzwerk für sie vorausplanen möchten. Dieser Film bekam sehr verhaltene Kritiken und ist nur eine kleine Fingerübung aus einer Akkord-Produktion, hat jedoch in der Jury seine Fans und bekam den Bären für das beste Drehbuch.

Zwei düstere Filme aus Ungarn wurden für die beste Regie bzw. die beste Nebenrolle ausgezeichnet: Die ZDF/arte-Co-Produktion „Natural Light ist ein bedrückendes Drama, das in verwaschene Grau-, Braun- und Ockertöne getaucht ist. Hauptfigur Semetka (Ferenc Szabó) bewegt sich mit ausdrucksloser Miene durch dieses Grauen. Die Jury hat die Formstrenge dieses Spielfilm-Debüts von Dénes Nagy so beeindruckt, dass sie ihm einen Silbernen Bären für die beste Regie verlieh. Sein Landsmann Bence Fliegauf kehrte mit „Forest – I see it everywhere“ in den Berlinale-Wettbewerb zurück. Sieben unverbundene Miniaturen bilden eine Collage von Wut, Trauer, Schmerz und Konflikt. In Zweier- oder Dreierkonstellationen werden der unerfüllbare Kinderwunsch, die Schuld am Tod der Mutter, die Angst vor einer Operation oder die Wut auf einen Scharlatan, der verzweifelten Todkranken viel Geld abknöpft, verhandelt. Menschliches Leid reiht sich an menschliches Leid, die Figuren wirken austauschbar und verschwinden so unvermittelt, wie sie auftauchten, so dass diese Revue menschlicher Traumata kaum berührt. Die erst 20jährige Lilla Kizlinger wurde für ihren Part in diesem Ensemble-Film mit dem neuen Unisex-Silbernen Bären für die beste Nebenrolle ausgezeichnet.

Fragwürdig war auch die Silberne Bär für den besten Schnitt in der mexikanischen Dokumentation „A Cop Movie“ von Alonso Ruizpalacios. Erst in der letzten halben Stunde kommt der Film zu dem Punkt, den er machen will: Ein Polizist*innen-Paar stößt an die Grenzen den korrupten Systems. Im Abspann erfahren wir, dass Teresa und Montoya ihren Dienst 2019 quittierten. Sie sahen keine andere Möglichkeit. Es war schon eine erste Überraschung, dass die Netflix-Produktion überhaupt in den Wettbewerb eines A-Kino-Festivals eingeladen wurde. Noch unverständlicher ist, dass „A Cop Movie“ von der Jury mit einem Silbernen Bären für den Film-Schnitt ausgezeichnet wird. Auch diese Auszeichnung dürfte aber wenig daran ändern, dass diese Dokumentation wohl bald in den Tiefen des Streaming-Dienstes verschwinden wird.

Überraschend gingen zwei prominente Namen im Wettbewerb leer aus: Celine Sciamma entwickelt in „Petite Maman“ aus ihrem bizarren Zeitreise-Gedankenspiel einen poetisch-rätselhaften Film, der zwar nicht so hervorragend ist wie ihre stärksten Werke, zuletzt das in Cannes 2019 ausgezeichnete „Porträt einer jungen Frau in Flammen“, aber durchaus sehenswert. Dominik Graf ging mit seiner Adaption von Erich Kästners Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ mit Tom Schilling und Albrecht Schuch ins Rennen.

Wie schon häufiger liefen die sehenswertesten Berlinale-Filme aber auch in diesem Jahr in den Nebenreihen. Ein Highlight war „Das Mädchen und die Spinne“ in der von Carlo Chatrian im vergangenen Jahr neu geschaffenen Sektion Encounters. Den Brüdern Ramon und Silvan Zürcher gelingt mit ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit ein träumerisch-leichter, fein beobachtender Film, der um die Trennung der beiden Hauptfiguren kreist: Lisa (Liliane Amuat) verlässt die WG, Mara (Henriette Confurius) trauert ihr hinterher. Die beiden haben sich auseinandergelebt, waren vermutlich mehr als nur Freundinnen.

Auf engem Kammerspiel-Raum im Umzugsstress orchestrieren die Zürchers einen intensiven Film, der seine Geschichte vor allem mit Blicken erzählt: sehnende Blicke, taxierende Blicke, enttäuschte Blicke, abschätzige Blicke. In wenigen Momenten franst der Film etwas aus und droht sich im Manierierten und leicht Esoterischen zu verlieren, findet aber glücklicherweise schnell wieder zu seinem Zentrum zurück. Getragen wird „Das Mädchen und die Spinne“ von einem starken Ensemble: neben der Berliner Filmschauspielerin Confurius sind vor allem die beiden Schweizer Theaterschauspielerinnen Liliane Amuat (Residenztheater München) und Ursina Lardi (Schaubühne Berlin) als Lisas Mutter hervorzuheben.

„Das Mädchen und die Spinne“ bekam nicht nur den Kritiker-Preis der FIPRESCI-Jury. Die Zürcher-Brüder teilen sich auch mit Denis Coté (für „Social Hygiene“) den Preis für die beste Regie in der Encounters-Sektion. Der Spezial-Preis der Jury ging an das bemerkenswerte Debüt „Taste“ des Vietnamesen Lê Bảo. Fast ohne Worte, mit den für das Experimental-Kino typischen quälend langen Einstellungen, aber auch mit überraschenden Ideen erzählt dieser Film von einem nigeranischen Fußballer, der in den Slums von Saigon in einer ärmlichen Hütte gestrandet ist und dort mit vier Frauen und einem Schwein zusammenlebt. Dieses vom World Cinema Fund der Berlinale und dem Goethe-Institut geförderte Erstlingswerk überzeugt mit seinem eigenwillig-skurrilen Humor und einem erstaunlich reifen Talent für eindrucksvolle, länger nachhallende Bilder.

Leer ging im Encounters-Wettbewerb leider der iranische Film „District Terminal“ aus: Junkie-Poet Peyman (gespielt von Bardia Yadegari, der gemeinsam mit Ehsan Mirhosseini auch das Drehbuch geschrieben hat und Regie führt) leidet unter der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit und ringt mit der Zensur-Behörde um die Veröffentlichung seines Roman-Manuskripts. Dieser Versuch ist jedoch zum Scheitern verurteilt: Teheran ist in dieser dystopischen Vision ein unbewohnbarer Ort, verwüstet vom Klimawandel, heimgesucht von einer Pandemie und abgeriegelt von Quarantäne-Wächtern.

Wenn Peyman nicht gerade an seinem Roman schreibt oder auf einem Trip ist, springt er ebenso rastlos wie die elliptische Erzählstruktur dieses Films zwischen seinen Freunden und Bekannten hin und her, die den Iran jedoch nach und nach verlassen, während der Strohhalm, an den sich der drogensüchtige Dichter klammerte, am Ende endgültig bricht: die Frau, die ihm Hoffnungen machte, ihm ein Visum für die USA zu ermöglichen, stößt ihn vor den Kopf und will nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Yadegari und Mirhosseini, die beide auch im Bären-Gewinner-Film des vergangenen Jahres mitgespielt haben, überraschen mit einem sarkastischen, assoziativen Film und einem galligen Blick auf die Lage im Iran.

Im Panorama überzeugte die türkisch-rumänische Coproduktion „Brother´s Keeper“ von Ferit Karahan. Das Drama schildert eindringlich die Schikanen und Strafen, denen die Jungen in einem Internat in den kurdischen Bergen ausgesetzt sind. Als Memo eines Morgens bewusstlos im Bett liegt, setzt am Krankenbett das Schwarze Peter-Spiel ein. Die Erzieher und Lehrer schieben sich gegenseitig die Schuld zu, tatsächlich muss sich hier fast jeder ein Fehlverhalten ankreiden lassen.

Was dem Jungen passiert ist, wird allerdings erst ganz am Ende dieses klug gebauten Psychodramas klar, in dem der Regisseur autobiographische Internats-Erlebnisse verarbeitet. Auch die FIPRESCI-Kritiker-Jury war von diesem Film überzeugt und zeichnete ihn als bestes Werk in der Panorama-Sektion aus.

Bemerkenswert im Panorama ist auch „Der menschliche Faktor“ von Ronny Trocker. Diese Produktion für die ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ überzeugt mit raffinierter Erzählstruktur und schildert das Scheitern einer beruflichen und privaten Partnerschaft.

In der Sektion „Generation 14+“ für Jugendliche und junge Erwachsene lohnt sich die norwegische Tragikomödie „Ninjababy“. Der charmant-witzige Film von Yngvild Sve Flikke befasst sich mit ungewollten Teenager-Schwangerschaften. Mit frechen Kommentaren mischt sich der animierte Embryo in die Überlegungen der überforderten Mutter Rakel (Kristine Thorp) ein, wem sie das Baby anvertrauen soll, da es für eine Abtreibung zu spät ist.

Leider ging „Ninjababy“ bei der Verleihung des Gläsernen Bären leer aus. Der Preis für den besten Film der „Generation 14+“ ging an „La mif/The Fam“ aus der Romandie. Regisseur Fred Baillif, ehemaliger Schweizer Basketball-Nationalspieler und Streetworker, entwickelte mit den Teenagerinnen einer Jugendhilfe-Einrichtung ein Sozialdrama im Stil des Cinema Verité. Der raue Ton der improvisierten Dialoge wirkt sehr authentisch, allerdings schleppt sich das Porträt der Jugendlichen und ihrer Betreuer in der ersten Hälfte zu langatmig dahin.

Zur interessantesten Figur entwickelt sich Lora, die Leiterin der Jugendhilfe-Einrichtung, die von Claudia Grob gespielt wird: Wie fast der gesamte Schauspiel-Cast ist sie Laiin und eine ehemalige Streetworker-Kollegin des Regisseurs.

Außer Konkurrenz als Berlinale Special lief neben dem Guantánamo-Drama „The Mauritanian“, für das Jodie Foster vor kurzem einen Golden Globe gewann, auch Christian Schwochows „Je suis Karl“.

Von dieser streckenweise zu klischee- und kolportagehaft geratenen TV-Co-Produktion bleibt vor allem Jannis Niewöhner in Erinnerung: er verkörpert den zynischen, smarten Anführer einer fiktiven Jugendbewegung, die ähnlich wie die Identitären gekonnt auf der Social Media-Klaviatur spielt.

Er instrumentalisiert Maxi (Luna Wedler), die bei einem Bomben-Anschlag in Berlin-Friedrichshain ihre Brüder und ihre Mutter verloren hat, und durch seinen Charme geködert wird, auf Kundgebungen mit ihren autobiographischen Erlebnissen Ängste und Ressentiments gegen Zuwanderung zu schüren, bis der Mob schließlich Minderheiten durch europäische Städte jagt.

Bild aus dem Gewinner des Goldenen Bären: © Silviu Ghetie / Micro Film 2021

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