Eine posthumane Geschichte

In seiner Fantasy-Saga „Eine posthumane Geschichte“ erzählt Pat To Yan von dunklen Mächten, einem geheimnisvollen Fluch und lässt Figuren aus der kantonesischen Mythologie wie „Die weiße Knochenfrau“ (Christina Geiße) auftreten: Das Baby Anders (Uwe Zerwer) kommt missgestaltet und ohne Po auf die Welt. Die Eltern willigen ein, dass ihr Sohn in einem transhumanistischen Experiment zum Cyborg operiert wird. Die unerwünschte Nebenwirkung: Anders altert wesentlich schneller als ein gewöhnliches Kind und sieht schon nach wenigen Jahren aus wie ein 60jähriger Mann. Die Missbildung des Babys ist die Strafe für den Job von Frank (André Meyer), der als Drohnenkrieg-Söldner im Kampfeinsatz ist.

Pat To Yan bedient aber nicht nur klassische Fantasy-Genre-Muster, bei denen sich die Helden gegen dunkle Mächte wie die „Geisterkinder“ durchsetzen müssen, sondern setzt sich auch mit den Dilemmata der Künstlichen Intelligenz ein. Kate, eine „Alexa“-Deluxe-Version, führt ganz selbstverständlich den Haushalt von Frank und Jane (Agnes Kammerer), die in einem Nebenstrang von einer Firma den Auftrag bekommt, den Menschen statt Kants Kategorischem Imperativ fiktionale Geschichten ins Gehirn zu induzieren. Sie gerät in einen Gewissenskonflikt, ob sie sich weiter an der Produktion von „Fake News“ beteiligen darf.

„Eine posthumane Geschichte“ ist zusätzlich noch mit zahlreichen Anspielungen auf die aktuelle Lage in China gespickt: die „Umerziehungslager“, von denen die chinesische Staatsmacht euphemistisch spricht und in denen die Menschenrechte der Uiguren verletzt werden, tauchen immer wieder im Text auf. Hinter der „Stadt im Süden“, die vom Reich der „Mitte ohne Ende“ bedroht wird, ist unschwer Pat To Yans Heimat Hongkong zu erkennen, dessen Demokratiebewegung von China brutal unterdrückt wird.

Der Stücktext, den Jessica Glause in der Reihe „Frankfurter Positionen“ des Schauspiels Frankfurt zur digitalen Uraufführung brachte, ist ziemlich überfrachtet. Pat To Yan tippt viele Themen an und beginnt zahlreiche Erzählstränge, in denen es vor allegorischen Figuren wimmelt und zwischen denen der Plot oft sehr schnell hin und her springt. „Eine posthumane Geschichte“ führt als zweiter Teil einer geplanten Trilogie einige Motive fort, die den Autor bereits in „Eine kurze Geschichte des zukünftigen China“ beschäftigten, das im englischen Original beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2016 vorgestellt wurde und am kommenden Sonntag am Staatstheater Saarbrücken im Rahmen des sehr umstrittenen Saarland-Modell-Versuchs vor Publikum seine europäische Erstaufführung erleben soll.

Interessant macht diese Online-Inszenierung vor allem die sehr ambitionierte Umsetzung als Theaterfilm, den Regisseurin Jessica Glause gemeinsam mit Mai Gogishvili (Bühne und Kostüme) und Benjamin Liedtke (Kamera) erarbeitete: mit vielen Gimmicks und kleinen Tricks spielt die Frankfurter „Eine posthumane Geschichte“ mit Sci-Fi-Motiven und ragt visuell unter den ästhetisch konventionelleren Theaterfilmen hervor, die in den vergangenen Lockdown-Monaten von den Theatern produziert wurden.

Bild: Robert Schittko

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