Michael Kohlhaas

Mit einem kurzen Fremdtext führt Moritz Gottwald in das zweistündige Sprechkonzert ein: „Ich soll tun was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht“, seufzte Heinrich von Kleist in einem Brief vom 13. November 1800 an seine Verlobte Wilhelmine von Zange. Dieser Text stamme nicht aus der Novelle „Michael Kohlhaas“, die das Ensemble nun lesen werde, aber sie demonstriert die Getriebenheit Kleists. Als Lesetipp sei zu diesem Thema auch das wunderbare Porträt „Der Gejagte“ empfohlen, das Stefan Zweig ihm widmete und im Programmheft der Schaubühne abgedruckt ist.

Doch die entscheidende Information des Intros ist das Wörtchen „lesen“: ja, an diesem Abend wird kaum gespielt, sondern tatsächlich vor allem rezitiert und gelesen. Das Ensemble tritt an Notenpulte an der Rampe, links wird das Reclam-Heftchen per Overhead-Projekor projiziert. Dieses Setting fordert den ätzenden Spott von Peter Laudenbach geradezu heraus und legt ihm den Ball auf den Elfmeterpunkt: als oft unfreiwillig komischen „Schulfunk“ nahm er diese „Kohlhaas“-Unternehmung auseinander.

Doch auch wer diesem Abend wohlgesonnen ist, muss erkennen, dass szenisch sehr wenig geboten ist. Es gibt kleine Momente der Spielfreude, z.B. wenn sich Laurenz Laufenberg und Gottwald in die Pferde verwandeln, deren Misshandlung der Auslöser für den Rachefeldzug des Kohlhaas war. Hin und wieder gibt es auch Video-Einspieler von Luke Halls, Zakk Hein und dem aus vielen Schaubühnen-Inszenierungen bekannten Sébastien Dupouey. Aber vor allem gibt es Text, sehr viel Text…

David Ruland, Moritz Gottwald, Renato Schuch, Laurenz Laufenberg, Genija Rykova, Robert Beyer

Simon McBurney und Annabel Arden, Veteran*innen der britischen Company Complicité, haben mit Dramaturgin Maja Zade und ihren Spieler*innen eine Textfassung herausdestilliert, die Schneisen durch die Satzungetüme und Nebensatz-Verästelungen schlägt. Fein choreographiert und handwerklich tadellos wird der Kleist-Text auf das Ensemble aufgeteilt und präzise von der Rampe ins Publikum gesprochen. Die Schaubühnen-Fassung bleibt eng am Original, muss allerdings im zweiten Teil einiges raffen und umstellen, da sich Kleist nach dem packenden Beginn seiner Novelle im Dickicht verlor, plötzlich eine Wahrsagerin mit geheimnsivollem Amulett auftreten lässt und Kleist zwischen die Fronten der Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg geraten lässt, die auch die Spieler einmal kurz verwechseln.

Klare Rollen gibt es nicht, Renato Schuch kristallisiert sich aber mit feurig-fanatischem Blick und wallendem Bart als Kohlhaas-Taliban heraus, der immer wieder in Großaufnahme an die Wand projiziert wird. Ansonsten schleppt sich die szenische Hörspiel-Lesung jedoch routiniert dahin. Hier ein kleiner O-Ton des Whistleblowers Edward Snowden, der am Rest des Abends aber bis auf einen Schlenker im Programmheft nicht weiter aufgegriffen wird, dort ein Gag über den Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer und den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz, als im letzten Kohlhaas-Drittel auch der Kaiser in Wien in den Machtkampf hineingezogen wird.

Der „Michael Kohlhaas“ des britischen Regie-Duos McBurney/Arden bleibt eine Fingerübung für Kleist- und Hörspiel-Fans, die altbacken wirkt und als Theater-Erlebnis wenig befriedrigend ist.

Bilder: Gianmarco Bresadola

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