Sarah

Die große Bühne überließ er zur Spielzeiteröffnung dem Star-Gast Barrie Kosky mit dem „Dreigroschenoper“-Klassiker, einen Tag später inszenierte Intendant Oliver Reese nebenan im Neuen Haus des Berliner Ensembles einen kleinen 100minütigen Monolog.

Marc Oliver Schulze performt die Rolle des Scott aus dem Roman „Sarah“, der im Lockdown-Frühjahr 2020 in deutscher Übersetzung erschien. Der Autor Scott McClanahan ist noch ziemlich unbekannt, den Roman hat aber immerhin Büchner-Preisträger Clemens Setz übersetzt, die Besprechungen waren von ZEIT bis SZ sehr wohlwollend.

Mitten hinein wirft sich Schulze in die Lebensbeichte dieser Figur, die semiautobiografische Züge des Autors McClanahan trägt: auch der Protagonist heißt Scott und verarbeitet die Trennung von seiner Ex-Frau Sarah. Diese Sarah erleben wir zwar nicht auf der Bühne und wir erfahren auch sonst wenig über sie, aber nach den 100 Minuten habe ich vollstes Verständnis für die Frau. Diesen larmoyanten, Alkohol und Porno-süchtigen Loser, der chronisch eifersüchtig ist, konnte sie nicht länger ertragen, die Trennung war konsequent.

Eine sehr undankbare Aufgabe ist es für Marc Oliver Schulze, diese unsympathische und mindestens ebenso uninteressante Pappnase aus der Provinz tief im Mittleren Westen der USA auf die Bühne zu bringen. Er holt das Beste aus Figur und Text heraus. Aber es ist bezeichnend, dass die facettenreichste Figur mit den besten Szenen des Abends der todkranke Hund ist, der eingeschläfert werden muss. Sie bietet das erhoffte Schauspieler-Futter für Schulze und erholsame Abwechslung von Scotts Selbstbespiegelung.

Trotz des geringen theatralischen Potenzials von Figur und Textfassung, die Intendant Oliver Reese und Dramaturg Johannes Nölting erstellt haben, hat der kurze Abend auf der Nebenbühne seine Momente. Die Show stahl Schulze jedoch das ältere Ehepaar, die als Running Gag des Abends mit den Tücken der Technik vom piepsenden Schlüsselbund bis zum mehrfach bimmelnden Handy zu kämpfen hatten.

Bild: Matthias Horn

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