Die Dreigroschenoper

Der „Kanonensong“ oder „Und der Haifisch, der hat Zähne“: diese Hits kann fast jeder mitsummen und sie garantieren ein volles Haus. 1928 nahm der Welterfolg der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill bei der Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm seinen Anfang, bis heute sind Neuinszenierungen dieses Stücks ein Markenkern und eine sichere Bank für das traditionsreiche Berliner Ensemble.

Claus Peymann beauftragte 2008, etwa zur Mitte seiner langen Intendanz, den Theaterzauberer Robert Wilson mit einer Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“. Dieser märchenhafte Abend mit traumverlorenen, weiß geschminkten Gestalten war ein Renner im Repertoire und eine der wenigen Inszenierungen, die auch Nachfolger Oliver Reese übernommen hat. Doch nun ist es Zeit für eine weniger angestaubte Neuauflage.

Wen könnte man mit der Regie für dieses berühmte 1920er Jahre-Stück beauftragen?, fragte sich Reese. Die erste Wahl ist hierfür natürlich Barrie Kosky, der fast in unmittelbarer Nachbarschaft zum BE die Komische Oper leitet und dort ein Händchen für spannende Ausgrabungen häufig jüdischer Musiktheater-Komponisten aus der Weimarer Zeit bewies. Mit seinem Gespür für mitreißende Choreographien und opulente Shows kann eigentlich nichts schief gehen.

Tatsächlich jubelte ein großer Teil des Premieren-Publikums am gestrigen Abend. Alle Vorstellungen bis Mitte September waren bereits vorab ausverkauft und es braucht keine prophetische Gabe, um zu prognostizieren, dass auch diese „Dreigroschenoper“ zum Hit wird. Der dreistündige Abend eignet sich einfach zu gut zur Abrundung eines Berlin-Besuchs: ein unterhaltsames Stück mit altbekannten Melodien am traditionsreichen Ort. Ein echter „Crowdpleaser“, als „Boulevardkomödie“ hat André Mumot den Abend in seiner sehr wohlwollenden „Fazit“-Kritik treffend eingeordnet.

Doch sobald Barrie Kosky die Bühne mit seinem Team betrat, mischten sich unter den Applaus für Orchester und Ensemble deutliche Buhs. Waren das alles nur enttäuschte Traditionalisten, wie erste Stimmen vermuteten? Es lag vermutlich auch daran, dass Kosky diesmal alles vermissen ließ, was seine Inszenierungen an der Komischen Oper auszeichnet. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich eine Kosky-Inszenierung jemals so matt fand. Mit angezogener Handbremse arbeitet er sich durch den Abend.

Musikalisch ist die „Dreigroschenoper“ natürlich makellos, dafür sorgt schon Adam Benzwi als langjähriger Bühnen-Partner von Kosky. Auch die schauspielerischen Leistungen haben jeden Applaus verdient. Der Abend ist eine solide, spannungsarme Inszenierung eines oft gesehenen Klassikers. Bei jeder anderen Regisseurin oder jedem anderen Regisseur könnte man schnell einen Haken dahinter machen und es als routinierte Arbeit in das Repertoire einsortieren. Aber da mit Kosky schon ein Star-Regisseur für die Spielzeit-Eröffnung eingekauft wurde, der mit Robert Habeck, der sich eine verdiente Auszeit vom glücklosen Wahlkampf seiner Spitzenkandidatin nahm, auch ein Polit-Promi beiwohnte, muss man schon fragen, wo der Esprit und der Ideenreichtum waren, die Koskys Inszenierungen auszeichnen.

Dreigroschenoper-Ensemble in Rebecca Ringsts Bühnenbild

Besonders deutlich zeigt sich dies in den Nebenrollen: Kosky bringt normalerweise gerade die Statisten und Tänzer zum Funkeln, erst sie machen seine Abende zu dem großen Spektakel. Auch diesmal führt der Abendzettel eine Reihe von Namen auf, darunter beispielsweise Denis Riffel, der als „Siegfried“ in der „Drachenherz“-Produktion von UdK und Neuköllner Oper sein Talent zeigte. Sie haben aber nur kurze, blasse Auftritte.

Kosky ist auch dafür bekannt, den queeren Aspekt in seinen Inszenierungen zu betonen, bis auf eine Cross-Gender-Besetzung von Kathrin Wehlisch als korrupter Polizeichef Tiger-Brown und den Lidschatten und Kajal-Strich von Nico Holonics, der als Mackie Messer vor allem auf der Zielgeraden in Gefahr gerät, die „Dreigroschenoper“ zur Solo-Show zu machen, ist davon wenig zu spüren und zu sehen.

Nico Holonics als Mackie Messer am Galgen

Bis auf ein Solo von Constanze Becker mit der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ als Mrs Peachum hat diese „Dreigroschenoper“-Inszenierung wenig Denk- und Erinnerungswürdiges. Die Operetten-Maschinerie schnurrt reibungslos, aber der Funke springt nicht über. Zu farblos und routiniert bleibt diese Kosky-Inszenierung. Hatte er zu viel Respekt vor dem traditionsreichen Ort oder Angst vor den Brecht-Erben, die schon mehrfach einen Rechtsstreit anzettelten, wenn ihnen ein Regie-Ansatz missfiel?

Bilder: © Jörg Brüggemann / OSTKREUZ

3 thoughts on “Die Dreigroschenoper

  1. Johanna Schall Reply

    Ein sehr klischeebehafteter Satz über „die Brecht-Erben“ am Ende Ihres Textes. Als in diesem Fall zuständige „Erbin“ kann ich Ihnen versichern, dass ich noch nie wegen eines Regieansatzes in eine Arbeit eingegriffen habe.

    1. Konrad Kögler Reply

      Vielen Dank für Ihre Klarstellung. In der Vergangenheit gab es ja spektakuläre und unrühmliche Auseinandersetzungen, die leider harte Realität und kein Klischee sind.

      1. Johanna Schall Reply

        In der Vergangenheit. Sie hätten sich über Veränderungen erkundigen können, bevor sie so einen Satz hinschreiben, oder.
        Und selbst in der Vergangenheit sind Auseinandersetzungen meist etwas anders gelaufen, als sie interpretiert wurden, Urheberrecht ist ja nicht nur auf Herrn Brecht beschränkt und ist halt ein Recht. Aber ich will sie von nichts überzeugen.

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