Als geheimnisvoller Engel schwebt Zhenia durch die Villen einer polnischen Gated Community. Über seine Herkunft erfahren wir wenig, nur dass er im ukrainischen Pripjat aufgewachsen ist, mitten in der Sperrzone um den Super-GAU-Reaktor Tschernobyl. Es zog ihn in eine der reichsten Gegenden des westlichen Nachbarlands, das zugleich der Außenposten der EU ist.

Im vermeintlich Goldenen Westen zieht er mit seiner Massageliege und gleichbleibend freundlichem Dienstleister-Lächeln von Villa zu Villa, trifft dort aber nur Wohlstandsverwahrloste, Gelangweilte und Depressive, die ihre Erlösungs-Phantasien projizieren. Zhenia, gespielt von Alec Utgoff aus „Stranger Things“, ist für sie eine Art Guru, der seine Massage mit Trance und Hypnose anreichert, vor allem dient er aber als erotische Augenweide. Die Kamera von Michał Englert, der mit einem polnischen Filmpreis ausgezeichnet wurde und diesmal neben Berlinale-Stammgast Małgorzata Szumowska auch als Co-Regisseur des Films genannt wird, kann sich am athletisch-definierten Körper des Hauptdarstellers kaum satt sehen.

Überdeutlich erinnert diese Figur, die angeblich auch ein reales Vorbild in der polnischen Gegenwart hat, an Pier Paolo Pasolinis „Teorema“. Aus der abgekupferten Grundidee macht das Regie-Duo aber zu wenig. Die rätselhafte Grundstimmung ist reizvoll, im letzten Drittel gehen „Never gonna snow again“, wie der Film im Original heißt, spürbar Ideen und Luft aus.

Dennoch reicht es zu einem soliden Festival-Kino-Beitrag, der nach der Premiere im Wettbewerb von Venedig 2020 über diverse Stationen tingelte (Hamburg, Köln, London, Thessaloniki) und auch für das Festival Around the World in 14 films in der Berliner Kulturbrauerei angekündigt war, das im Winter 2020 leider dem Corona-Lockdown zum Opfer fiel. In den deutschen Kinos startete „Der Masseur“ am 19. August 2021.

Bilder: LavaFilms/MatchFactoryProductions

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.