Die Unbeugsamen

Meist sehr gut gelaunt erzählen Vorkämpferinnen für mehr Geschlechtergerechtigkeit von den kleinen Tricks und dem langen Atem, mit dem sie sich ihren Einfluss gegen die Männer-Hinterzimmer-Runden der Bonner Republik erkämpften.

In der Ära Adenauer setzt Torsten Körners Zeitreise ein, als die Frauen mühsam erkämpften, dass Elisabeth Schwarzhaupt als erste weibliche Person ins Kabinett berufen wurde. Aber auch die Ausschnitte aus TV-Beiträgen der 1970er und 1980er Jahre und manche Anmoderation des „Bericht aus Berlin“-Urgesteins Friedrich Nowottny wirken aus heutiger Sicht zum Fremdschämen, da sie zu sehr vor Sexismus triefen.

Gelassen und souverän blicken ehemalige Ministerinnen wie Herta Däubler-Gmelin, Ursula Männle und Renate Schmidt oder die ehemalige Grünen-Staatssekretärin Christa Nickels, die Anfang der 1980er Jahre Teil des sechsköpfigen Matriarchats der Grünen-Bundestagsfraktion war, auf ihre Anfänge zurück. Ein eigenes Kapitel ist „Lovely Rita“ gewidmet: als vermeintlich brave katholische Professorin wurde Süssmuth ins Kabinett berufen und entwickelte sich dort zum Entsetzen von Helmut Kohl mit erstaunlich progressiven Ansätzen in der Frauen-Politik und AIDS-Krise zu einer Gegenspielerin des Kanzlers, so dass er sie auf den repräsentativen Posten der Bundestagspräsidentin abschob.

Im nächsten Puzzleteil der Collage, die sich zum Glück nur selten im Anekdotischen verliert, geht es um zwei sehr unglückliche Frauen der deutschen Politik der 1980er Jahre: Petra Kelly und Hannelore Kohl.Aus Archiv-Material und Rückblicken der Zeitzeuginnen entsteht eine unterhaltsame und lehrreiche Zeitgeschichts-Stunde über den zähen Prozess eines Kulturwandels, der oft leise und elegant vorangetrieben wurde.

Petra Kelly bei Plenardebatte, Bild: Majestic

Nur selten kam es zu so konfrontativen Aufwallungen wie in der legendären ersten Parlamentsrede von Waltraud Schoppe, die sich leider komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und dem Dokumentarfilmer Körner nicht als Gesprächspartnerin zur Verfügung stand. Das feixende und höhnische Gelächter der Männer, als sie ihnen fehlende Phantasie und Kompetenz bei Fragen der Sexualität vorwarf, ist ein eindrucksvolles Zeitdokument und eine der zentralen Passagen des Features.

„Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner kam als ZDF/arte-Koproduktion am 26. August 2021 in die Kinos. Bereits davor erschien sein neuester Film „Schwarze Adler“ über schwarze Fußballspieler auf Amazon Prime und lief während der EM im Juni auch im ZDF.

Vorschaubild: ©Majestic / Annette Etges

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