Streulicht

Auf den ersten Blick haben die beiden Abende, die Shermin Langhoff zum Beginn der Spielzeit des Gorki Theaters programmierte, viel gemeinsam: „Streulicht“ und „1.000 Serpentinen Angst“ basieren beide auf Romanen, die für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert waren und glänzende Kritiken bekamen, Deniz Ohdes „Streulicht“ schaffte es sogar auf die Short List der besten fünf Titel. Beide Abende erzählen von den Erfahrungen junger Frauen mit Migrationshintergrund, von Rassismus und Ausgrenzung und sind damit im Markenkern angesiedelt, der das postmigrantische Gorki Theater so unverwechselbar macht. Für beide Abende wurden auch anerkannte Regisseur*innen verpflichtet, die bereits zum Theatertreffen eingeladen waren, beide setzten darauf, den Stoff von vielstimmigen Ensembles ohne allzu eindeutige Figuren-Zuschreibungen zu inszenieren.

Und doch könnten Nurkan Erpulats „Streulicht“ und Anta Helena Reckes „1000 Serpetinen Angst“ kaum weiter von einander entfernt sein. Während Reckes Roman-Nacherzählung auf der großen Bühne des kleinsten Berliner Stadttheaters in bleierner Düsternis versinkt, gelang Erpulat nebenan im Container ein melancholischer Abend. Dass es Erpulat so gut gelingt, die Stimmung des Romans für die Bühne zu übersetzen, liegt vor allem auch an der atmosphärisch dichten Hintergrund-Musik von Michael Haves und den Choreographien von Modjgan Hashemian, die dem Abend im zweiten Teil trotz aller Traurigkeit eine schwebende Leichtigkeit geben.

Alle drei Spieler*innen teilen sich die Rolle der Roman-Hauptfigur, die ihre schwierige Schullaufbahn als Mädchen aus dem migrantischen Industrie-Prekariat und die damit verbundenen stark eingeschränkten Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg berichtet. Im Lauf der Zeit kristallisiert sich Aysima Ergün, die erst im vergangenen Jahr von der HfS Ernst Busch ins Gorki-Ensemble kam, als prima inter pares heraus. Aber auch Çiğdem Teke (dem Gorki-Publikum seit vielen Jahren bekannt) und der niederländische Gast Wojo van Brouwer verkörpern neben der Mutter und dem Vater der Protagonistin in manchen Gruppen-Choreographien die Hauptfigur.

„Streulicht“ ist ein kleiner, nicht stark auftrumpfender Abend auf der Nebenbühne, der ein gutes Beispiel dafür ist, wie das schwierige Metier einer Roman-Adaption glücken kann. Der Abend ersetzt nicht die Lektüre, bebildert auch nicht nur die Vorlage, sondern findet einen klugen Weg, die Stimmung des Texts in ein eigenes Kunstwerk aus Spiel, Tanz und Musik zu übersetzen.

Bild von Aysima Ergün: Esra Rotthoff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.