Outside

Eine Hommage an den chinesischen Foto-Künstler Ren Hang, der sich mit einem Sprung aus dem Fenster das Leben nahm, versuchte Kirill Serebrennikow mit seiner Inszenierung „Outside“.

Zufällig stieß der russische Regisseur, als er noch reisen durfte und an der Stuttgarter Oper inszenierte, in einer Buchhandlung auf einen großformatigen Ren Hang-Bildband des Taschen-Verlangs und war sofort begeistert. Die Feier der Schönheit, das Gefühl des Außenseitertums, aber auch die Erfahrung der Repression in autoritären Regimen verbindet Serebrennikow und Hang. Yang Ge, eine chinesische Spielerin in Serebrennikows Moskaue Gogol Center-Ensemble, stellte einen Kontakt her, bei dem die beiden Künstler über eine Kooperation sprechen wollten. Doch zwei Tage vor diesem Termin nahm sich Hang am 24. Februar 2017 das Leben, wenige Monate später wurde Serebrennikow verhaftet und zum Hausarrest verurteilt.

Unterstützt von „Free Kirill“-Kampagnen westlicher Künstler, an denen sich die Schaubühne und das Deutsche Theater Berlin als langjährige künstlerische Partner von Serebrennikow beteiligten, arbeitete der Moskauer Regisseur auch unter den erschwerten Bedingungen des Arrests an seinen Projekten. Eines der Ergebnisse ist „Outside“, das im Sommer 2019 in Avignon Premiere hatte und schon im März 2020 beim FIND-Festival gezeigt werden sollte. Dieser Termin hätte besonders gut gepasst, da sich kurz zuvor eine C/O Berlin-Retrospektive mit Ren Hangs Werk befasste. Immerhin konnte das Schaubühnen-Gastspiel zwei Lockdowns später nun nachgeholt werden.

Die Trauer um die verpasste Gelegenheit, Ren Hang auch persönlich kennenzulernen und mit ihm künstlerisch zu arbeiten, durchzieht den knapp 100minütigen Abend. Alter Egos von Serebrennikow (Odin Lund Biron) und Hang (Evgeny Sangadzhiev) tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, sprechen über Repression und entwürdigende Schikanen bei Hausdurchsuchungen. Diese Auftakt-Szene setzt einen düsteren Grundton, der jedoch oft durch Slapstick und Comedy aufgebrochen wird. „Outside“ ist ein ruheloser Abend, dem eine klare Mitte fehlt und der oft unvermittelt zwischen ganz unterschiedlichen Tonlagen pendelt: assoziativ reiht sich Szene an Szene, Trauer schlägt in Herumalbern um.

Zu frisch scheint oft noch der Schmerz über den Verlust, zu wenig verdichtet sind viele Erfahrungen und Ideen. Der Hausarrest und die Tatsache, dass Serebrennikow nur über Boten mit seinem künstlerischen Team kommunizieren konnte, machten es sicher nicht einfacher. Unter diesen extrem erschwerten Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass „Outside“ deutlich hinter Serebrennikows Meisterwerk „Machine Müller“ zurückbleibt, an dem er ein halbes Jahr feilen konnte und das seit Jahren im Moskauer Gogol-Repertoire läuft.

„Outside“ ist kein streng komponierter Abend, sondern eine Skizze, die oft ausfranst und durch die man sich treiben lassen kann. Zu Beginn des Abends führt uns ein gedanklicher Ausflug vom Kudamm ins Berghain am anderen Ende der Stadt, wo die Alter egos von Serebrennikow und Hang einen dritten „Seelenverwandten“ treffen: Robert Mapplethorpe, der 1989 an AIDS starb. Bei den Tanz-Exzess-Szenen aus dem legendären Club demonstriert Serebrennikow sein Talent, das ihn mit Ren Hang verbindet und das er auch später bei den Reenactments von Ren Hangs Aktfoto-Kunst als Kernstück des Abends zeigt: beide Künstler zeichnen sich dadurch aus, dass es ihnen gelingt, nackte, junge Menschen kunstvoll zu arrangieren und ihre Schönheit zu feiern.

Bild: Ira Polar

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