Titane

Mit vollem Karacho bretterte Julia Ducournau im Juli 2021 in den Olymp des Weltkinos. Als zweite Frau (nach Jane Champion mit „Das Piano“) gewann sie die Goldene Palme in Cannes, eine der begehrtesten und prestigeträchtigsten Trophäen der Filmkunst.

Länger schon galt sie als Geheimtipp: Ihr Langfilm-Debüt „Raw“ sorgte bereits 2016 in Cannes in der experimentellen Nebensektion „Semaine de la critique“ für Furore. Es war eine erste große Überraschung, dass ihr neuer Fantasy-Horror nicht wieder in einer der Nebenreihen oder der besonders passenden berühmt-berüchtigten Mitternachts-Sektion lief, sondern für den glamourösen Wettbewerb eingeladen war, der traditionell im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Die zweite Überraschung war, dass sie unter all den prominenten Namen zur großen Gewinnerin der Goldenen Palme gekürt wurde.

In der Tat ist die Kompromisslosigkeit bemerkenswert, mit der Ducournau und ihre Hauptdarstellerin Agathe Rousellle als Alexia das Publikum auf einen Selbst- und Fremdverletzungstrip mitnehmen: Nach einem Autounfall in ihrer Kindheit bekam das Mädchen eine Titanplatte eingepflanzt. Zur jungen Frau herangewachsen ist Alexia eine autistisch und gefühlskalt wirkende Egoshooterin, die ihr Fetisch-artiges Verhältnis zu Chrom, Stahl und Felgen als Stripperin auf Motor-Shows auslebt und sich ohne jede Rücksicht ihren Weg durch den Alltag bahnt. Tatsächlich gelingen der Regisseurin für den tarantinoesken Trip ihrer Hauptfigur eindrucksvolle Bilder.

Es verdichten sich die Anzeichen, dass Alexia über Leichen geht und wegen mehrfachen Mordes gesucht wird. Sie entstellt sich mit brutaler Gewalt selbst und landet in der zweiten Hälfte schließlich beim Feuerwehrmann Vincent (Vincent Lindon), der Alexia für seinen verschwundenen Sohn Adrien hält.

In dieser zweiten Hälfte verliert „Titane“ an Rhythmus und Überzeugungskraft. Was als vielversprechender Ego-Trip begann, zerfasert als krude Variation einer Vater-Sohn-Geschichte. Wie wenig mitreißend diese Bilder der zweiten Hälfte sind, demonstrierte auch das Verhalten des Sitznachbarn in meiner Kino-Reihe, der sich lieber seinem hellerleuchteten Display widmete, bis er ermahnt wurde.

Mit dem Rückenwind der Goldenen Palme von Cannes bretterte die „Titane“ am 7. Oktober 2021 auch zum deutschen Kino-Start. Die Zeit wird zeigen, ob sich „Titane“ wirklich zum bahnbrechenden, künftigen Klassiker entwickelt, als den ihn manche Kritiken schon feierten, oder ob er im Nachtprogramm des koproduzierenden Senders arte versinken wird.

Bilder: Carole Bethuel

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