Ein düsteres Zeitgeschichtsdrama tourt in diesem Herbst über die Festivals: Franz Rogowski ist knapp zwei Stunden dabei zu erleben, wie er immer wieder schikaniert wird und im Knast landet. Graue Tristesse und Kasernenhofton prägen den Film „Große Freiheit“, der im Sommer 2021 in Cannes gefeiert und mit dem Jury-Preis der Sektion Un certain regard ausgezeichnet wurde. Anschließend eröffnete er das Filmfest in Hamburg, lief in Zürich und Wien und wurde als Österreichs Beitrag als bester nicht-englischsprachiger Film für die Oscars nominiert.

Der berüchtigte § 175 StGB macht Franz Rogowskis Figur Hans Hoffmann das Leben zur Qual: er fühlt sich in der Gesellschaft ausgestoßen, findet keinen Halt und wird immer wieder erwischt, wenn er auf unhygienischen öffentlichen Toiletten („Klappen“) heimlichen Sex mit anderen Männern hat.

Das Prinzip von Sebastian Meises „Große Freiheit“ ist, dass der Zuschauer oft nicht genau weiß, zu welcher konkreten Zeit die Filmhandlung gerade springt. Die Verhaftungen der Hauptfigur sind die große Konstante des Films. Immer wieder landet Hans in einem dunklen Verlies, immer wieder trifft er auf den drogenabhängigen, verurteilten Mörder Viktor (Georg Friedrich), der Hans wegen seiner Sexualität zunächst völlig ablehnt, bevor sich langsam eine Art Freundschaft entwickelt.

Die Kernbotschaft des Films ist der Leidensweg der fiktiven Figur Hans und vieler Männer seiner Generationen: unverändert galt der Strafrechtsparagraph aus der NS-Zeit weiter, bis er 1969 von der sozialliberalen Bundesregierung reformiert und erst 1994 ganz abgeschafft wurde. Durch die ersten Nachkriegsjahrzehnte folgt „Große Freiheit“ seiner Figur: der Film zeigt die sisyphoshafte Verzweiflung des Hans, der immer wieder seine Freiheit verliert. In den weniger düsteren Momenten dieser Albtraum-Tour versucht Hans zärtliche Annäherungen an Oskar (Thomas Prenn) und Leo (Anton von Lucke), die jedoch unter dem scharfen Sanktionsapparat des § 175 zum Scheitern verurteilt sind.

Hauptdarsteller Franz Rogowski wirkt wie ein getriebener Woyzeck, der keinen Halt findet, und wurde für seine Leistung auch für einen Europäischen Filmpreis nominiert, der im Dezember vergeben wird. Zuvor kann man den Film ab dieser Woche in den deutschen und österreichischen Kinos sehen.

Bilder: © Freibeuterfilm_Rohfilm

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