Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer

Schon im Juni 2021, als der monatelange Weihnachten-retten-Wellenbrecher-Lockdown endlich endete, feierte René Polleschs „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“ bei den Wiener Festwochen Premiere. Im Herbst brachte der neue Intendant der Volksbühne den Abend auch mit an den Rosa Luxemburg-Platz.

Die Opulenz des mit zwei Stunden ungewöhnlich langen Pollesch-Abends steht im Kontrast zur Magerkost des bisherigen Spielplans. Außer einer Show von Florentina Holzinger, einer Wiederaufnahme von Constanza Marcas, diversen P 14-, Konzert- und Diskursformaten sind dort bisher nur drei Inszenierungen des neuen Hausherrn zu sehen. Die Kritik an diesem überraschend eintönigen Spielplan-Angebot wird lauter, der Intendant unterläuft sie in seiner neuesten Arbeit „Herr Puntila und das Riesending in Mitte“ selbstironisch.

Mit Wiener Walzer-Klängen wird das Publikum auf den Abend eingestimmt, bevor Pollesch und sein Team mit Parodien auf Hollywood-Glamour und Tanzfilm-Revuen alles auffahren, was Fundus und Technik zu bieten haben. Der Spinning-Room im Zentrum von Nina von Mechows Bühne und die Live-Kamera auf einem Kran sind Dreh- und Angelpunkt eines Abends, der vor hektischer Betriebsamkeit sprüht. Zurecht bekam Nina von Mechow für dieses Bühnenbild-Arrangement den österreichischen Theaterpreis Nestroy.

Den titelgebenden Star des Abends, Kathrin Angerer, muss man in diesem Wimmelbild oft erst mühsam suchen: dieses kokette Spiel mit den Erwartungen von Pollesch und seinem kollektiven Co-Intendant*innen-Team zieht sich als Muster durch die Volksbühnen-Auftakt-Monate. Eine amüsante Szene ist, als sich Angerer in die erste Reihe setzt, im Plauderton erzählt, warum sie keine Gewehre dabei hat, und das Treiben auf der Bühne mit dem Rest des Publikums beobachtet.

Zwischen Show-Einlagen eines Frauen-Ensembles junger Tänzerinnen, das diesmal ohne Quotenmann auskommt, und Songs wie dem Bob Dylan-Klassiker „Like a Rolling Stone“ entfaltet sich ein launig-unterhaltsames Treiben. Anders als zuletzt in „Herr Puntila und das Riesending in Mitte“ sind einige thematische rote Fäden in diesen schnell abgefeuerten Diskursgirlanden auszumachen. Um das Spannungsverhältnis zwischen Brechts epischem Theater und Hollywood, um Authentizität und Scripted Shows wie im Wrestling kreisen diese zwei Stunden immer wieder. Die sprichwörtliche Besetzungscouch und die Zweitbesetzung sind ebenfalls Motive, die sich durch diesen Abend ziehen.

Martin Wuttke

Als Zweitbesetzung der Co-Intendantin Angerer spielt sich Rosa Lembeck, die erst vor kurzem ihren Abschluss an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg gemacht hat, in den Vordergrund. Zwischen all den Promis wie Martin Wuttke, der ein paar Mal zu oft slapstickhaft ausrutscht, Thomas Schmauser, der von den Münchner Kammerspielen kommt, oder der erfahrenen Pollesch-Spielerin Rosa Marie Tietjen, die in Zürich und Hamburg schon mehrfach mit ihm arbeitete, setzt die Zweitbesetzung die stärksten Akzente dieses Abends.

Bilder: Luna Zscharnt

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