Manche Filme haben viele Hürden zu nehmen, bis sie ihr Publikum finden. „One Second“ des chinesischen Meisterregisseurs Zhang Yimou ist so ein Fall. Dieter Kosslick räumte ihm im Februar 2019 den allerletzten Berlinale-Wettbewerbs-Slot seiner Ära ein: „Rotes Kornfeld“ gewann 1988 noch unter Kosslicks Vorgänger Moritz de Hadeln einen Goldenen Bären. Dies war der Startschuss für eine große Filmemacher-Karriere und eine Initialzündung für die sogenannte fünfte Generation des chinesischen Kinos, die internationale Festivals bereicherte.

„One Second“ wäre Jahrzehnte später ebenfalls ein würdiger Bären-Kandidat gewesen und liegt deutlich über dem durchschnittlichen Niveau eines Kosslick- oder Chatrian-Wettbewerbs-Films. Aber davon konnte sich das Berliner Publikum erst gestern überzeugen. Wenige Tage vor der Premiere wurde „One Second“ im Winter 2019 aus dem Berlinale-Programm genommen. „Technische Probleme“ wurden als offizieller Grund genannt. Schon damals wurde aber spekuliert, dass massiver Druck der chinesischen Staats- und Parteiführung die Premiere verhindert hat. Zu unvorteilhaft ist die Zeit der chinesischen Kulturrevolution der späten 1960er und frühen 1970er Jahre in einigen Szenen des Films dargestellt.

„One Second“ von Zhang Yimou landete also im Giftschrank. Nach ersten Erfolgen mit kritischen Filmen hatte er sich zu einem Liebling des Regimes entwickelt. Historische Wuxia-Epen wie „Hero“ (2002), die die stolze Vergangenheit feiern, trafen den Geschmack des Regimes, so dass er 2008 die Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking inszenieren durfte. Nun ist das Verhältnis wieder deutlich abgekühlt.

Glücklicherweise durfte „One Second“ aber nun doch präsentiert werden. Der Film eröffnete im September 2021 das Festival von San Sebastian, lief in Toronto und Zürich und gestern auch erstmals bei „Around the World in 14 films“ in der Berliner Kulturbrauerei, wo noch zwei Wiederholungen folgen.

„One Second“ ist ein unterhaltsames Road Movie, in dem drei Hauptfiguren einer Filmrolle hinterherjagen: Mr. Movie, ein Filmvorführer im Dienst der Kulturbürokratie, der mit dem schwülstigen Propaganda-Schinken „Heroische Söhne und Töchter“ durch die Provinz tingelt, das Waisenmädchen Liu, das aus Filmrollen Lampenschirme bastelt, und schließlich ein namenloser Flüchtling, der aus einem Umerziehungslager entkam und für den eine Sekunde dieses Films einen ganz besonderen Wert hat.

Vor den tollen Landschaftsaufnahmen der Wüste Gobi entfaltet sich eine unterhaltsame Komödie, in der sich alle Beteiligten mit Winkelzügen mehrfach austricksen, um in den Besitz der Filmrolle zu gelangen. Eine Stärke von Zhang Yimou ist, dass er für so unterschiedliche Publikums-Erwartungen funktioniert: er lässt sich einfach nur als vergnüglicher Film genießen, er lässt sich als subtil-kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit Chinas lesen, vor allem ist er aber eine sympathische Hommage an das Kino und an die Menschen, die für diese Kunst leidenschaftlich brennen.

Bild: © Huanxi Media Group Dong Ping

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