möwe.live

Das virtuose Spiel mit Social Media ist das Markenzeichen von punkt.live, einer Gruppe junger Theatermacher*innen um Cosmea Spelleken, die mit „werther.live“ den Hit des vergangenen Lockdowns landeten. Ihre Frischzellenkur für den Goethe-Klassiker hätte eine Einladung zum Theatertreffen verdient gehabt.

Ein Jahr später nehmen sie sich in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg einen weiteren Suizid-Klassiker vor: Anton Tschechows „Möwe“ wird in die Welt von Instagram-Storys, Zoom-Übungen für das Vorsprechen und Whatsapp-Sprachnachrichten übersetzt. Der Kern bleibt aber gleich: sowohl in der punktlive-Version als auch im russischen Klassiker-Original erleben wir eine neurotisch-selbstgefällige Künstlerblase, die um sich selbst kreist.

Das wird zum zentralen Problem der knapp zweistündigen Live-Stream-Show, die heute Abend auf der Plattform nachtkritik.plus Premiere feierte: Die Figuren machen keine Entwicklung durch, reden in langen Monologen aufeinander ein und aneinander vorbei. Durch die fancy Tools der digital natives wird das Stück zwar etwas aufgelockert, aber die hübsch arrangierten Nachrichten und Links können nicht wettmachen, dass sich die Figuren im Kreis und um sich selbst drehen.

Eine Stärke der Werther-Inszenierung war es, dass es zwischen den Insta-Kurznachrichten und Sprachanrufen auch immer wieder gelungene Miniaturen gab, in denen sich die Spieler*innen im Video-Chat intensiv begegneten. Bei Tschechows „Möwe“ fehlt dies fast zwangsläufig: die innere Leere des Kunstblasen-Personals, das sich hier in Liebeswirren und Lebenslügen verstrickt, ertrinkt zu oft in Selbstgesprächen und Lamento.

Interessant war, wie sich zwei Spieler*innen aus dem Staatstheater-Ensemble in das punkt.live-Ensemble integrierten: Ulrike Arnold als Arkadina und Janning Kahnert als Trigorin spielen die beiden Etablierten, auf die sich die Sehnsüchte der Jüngeren projizieren, die sich innerhalb der Blase jedoch noch mal abschotten und ungerührt zusehen, wie die Träume der anderen zerschellen.

Janning Kahnert als Trigorin und Ulrike Arnold als Arkadina

Die tragische Figur des Stücks ist vor allem Kostja, ihn spielt Nils Hohenhövel, der bei „werther.live“ noch nicht dabei war und in den vergangenen Jahren Ensemble-Erfahrung am Volkstheater Wien gesammelt hat. Den depressiv-fiebrigen Charakter, der seine Nachrichten ähnlich grüblerisch oft überarbeitet wie Nina (Klara Wördemann), die vergeblich von einer Schauspielkarriere und einer Beziehung zu Grigorin träumt, spielt er überzeugend.

„möwe.live“ wird bei jeder Aufführung live gespielt und von Dramaturgin Lotta Schweikert live geschnitten, zwei weitere Spieltermine sind bis Mitte Januar bereits angekündigt. Mit ihren beiden „Klassiker-Bearbeitung meets Social Media“-Inszierung hat punkt.live die Theaterlandschaft ein neues, spannendes Genre geschaffen. Wir dürfen gespannt sein, welchen Stoff sie sich als nächstes vornehmen und ob er sich besser für eine Frischzellenkur handelt als die Tschechow-Elegie.

Bilder: Staatstheater Nürnberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.