Saint-Narcisse

Beim Scrollen durch die Instagram-Profile der Sternchen und Influencer haben sich schon manche die Frage gestellt: Was hätten die Digital Natives wohl gemacht, wenn sie in früheren Jahrzehnten ohne die Reichweite und Möglichkeiten der Social Media-Selbstdarstellung geboren wären?

Bruce LaBruce, Berlinale-Stammgast und einer der umtriebigsten Regisseure des queeren B-Movie-Kinos, gab in „Saint-Narcisse“ eine Antwort: der selbstverliebte Dominic, der sein eigenes Spiegelbild anschwärmt, schießt bei jeder Gelegenheit Polaroid-Aufnahmen von sich und drückt sie den Passanten in die Hand. Eindeutig in den 1970er Jahren ist diese Szene angesiedelt.

In den folgenden knapp zwei Stunden surft LaBruce durch eine surreale Traumwelt und mixt biblische Motive mit griechischer Mythologie. Für Dominic, den sprichwörtlichen Narziss, erfindet er einen Zwillingsbruder Daniel (beide gespielt von Félix-Antoine Duval), der in einer Abtei von Father Andrew (Andreas Apergis) sexuell missbraucht und in religiösem Wahn den Qualen des Märtyers Sebastian unterzogen wird.

Doch bevor Dominic seinen Zwillingsbruder treffen darf, der ihn natürlich so rattenscharf macht wie sein Spiegelbild, führt ihn die Heldenreise zu einer Aussteiger-Kommune, wo seine Mutter mit ihrer Geliebten lebt, seitdem sie von der konservativen Gesellschaft verstoßen wurde. Der verlorene Sohn, der bei der Großmutter aufwuchs, wird von der Geliebten der Mutter ebenso leidenschaftlich begehrt, wie sich Dominic nach den Mönchen und vor allem nach seinem Zwilling verzehrt.

„Saint-Narcisse“ ist ein stilsicheres Edel-Trash-B-Movie, das lustvoll mit bildungsbürgerlichen Motiven spielt und die katholische Kirche als übergriffigen, nicht nur latent homosexuellen Männerbund entlarvt. Seine Premiere hatte der Film bereits im September 2020 zum Abschluss der „Venice Days“ am Rande des A-Festivals am Lido, im Sommer 2021 lief er nach diversen internationalen Stationen auf dem Filmfest München, seit Ende November 2021 in ausgewählten Kinos oder on Demand.

Bilder: Pro-Fun Media

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