Äußerst wortkarg sind die Figuren in „Niemand ist bei den Kälbern“. Sabrina Sarabis Verfilmung von Alina Herbings Debütroman erzählt von jungen Menschen in einem mecklenburgischen Dorf, die ihren Frust still in sich hineinfressen, der sich auf den Gesichtern jedoch deutlich abzeichnet. Bleischwer lastet die Tristesse über der sommerlichen Landschaft.

Hauptfigur dieses zweistündigen Stillebens ist Christin, gespielt von Saskia Rosendahl, die zuletzt auch in Fabian Grafs Altherren-Elegie „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ zu sehen war. Trotzig stapft Christin durch den Film, träumt diffus von Freiheit in der Stadt, die sie mit lasziven Hot Pants assoziiert. Sie weiß nur, dass sie keinen Bock mehr auf ihr Leben als Jungbäuerin an der Seite von Jan (Rick Okon) hat, der sich in der Arbeit auf dem Hof vergräbt und kaum ein Wort mit seiner Partnerin wechselt. Ziellos versucht sie mehrfach auszubrechen, stürzt sich in einen Trip nach Hamburg, von dem sie genauso schnell wieder zurückkehrt, oder hat eine gefühlskalte Sex-Nummer mit einem Ingenieur auf Durchreise (Godehard Giese).

Die Hauptfigur ist von klischeehaften Nebenfiguren umstellt, z.B. dem alkoholkranken Vater (Andreas Döhler), um den sie sich kümmert, aber nur Pöbeleien und Beschimpfungen erntet, der Freundin Caro (Elisa Schlott), die Christins Bruder Torsten (Enno Trebs) sitzen lässt und mit einem griechischen Online-Dating-Flirt durchbrennt, oder dem vorbestraften Danilo (Julius Nitschkoff), der mit seinem Rottweiler-Mischling im Plattenbau wohnt und erneut verhaftet wird.

Die Kamera bleibt nah bei den Figuren, die unter der lähmenden Perspektivlosigkeit leiden und sich in den Alkohol oder schnellen Sex flüchten statt sich weiter zu entwickeln. Saskia Rosendahl wurde für die Darstellung der Hauptfigur bei der Premiere in Locarno im Sommer 2021 als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Anschließend tourte „Niemand ist bei den Kälbern“ über mehrere Festivals in Deutschland und war zuletzt auch Teil der cineastischen Weltreise „Around the World in 14 films“ in der Kulturbrauerei.

Am 20. Januar 2022 startet der Film in den deutschen Programmkinos. Im Juni 2022 gab es eine Lola für die beste Tongestaltung.

Bild: © FILMWELT Verleihagentur / Weydemann Bros. / Foto: Max Preiss

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