Dance me!

Wie Kampfsportler marschieren die gegnerischen Teams in Boxermänteln mit grellen Farben in die HAU 2-Arena ein. Zwischen den beiden Tribünen ist ein schmales Areal freigelassen, auf dem sich Team Alt und Team Jung positionieren.

Die beiden Mannschaften fixieren sich und setzen in kurzen Wortgefechten erste verbale Kinnhaken: das Team Jung, das sich aus Performer*innen um die 20 rekrutiert, die erste Erfahrungen in der Freien Szene oder im P14-Projekt der Volksbühne gesammelt haben, wirft dem Gegenüber vor, dass sie nicht woke genug sind, nach dem jeweiligen Pronomen zu fragen, dass sie es sich in ihren Altbau-Wohnungen gemütlich gemacht haben, die für die Jungen gar nicht mehr finanzierbar sind, und dass ihre Generation mit ihrem Lebensstil und Ressourcenverbrauch mitverantwortlich ist, dass sich das Klima aufheizt und die Lebensgrundlagen zerstört werden. „Born to die“ stimmt das Jugend-Ensemble als ersten Song an. Depressionen und psychische Erkrankungen, die bei der Jugend stark ansteigen, thematisiert auch Eren M. Güvercin in seinem Appell an die Gegenseite kurz vor Schluss.

Team Alt rekrutiert sich aus bekannten Gesichtern, aus dem Kernteam des She She Pop-Kollektivs, das sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der bekanntesten und bereits mehrfach zum Theatertreffen eingeladenen Freie Szene-Gruppen entwickelt hat. Sie haben sich zur Verstärkung einige Weggefährten geholt, der Altersschnitt dieses Teams liegt bei etwa 50 Jahren. Während die Jugend mit perfektem, nur scheinbar lässigem Styling glänzt und bis kleinste Detail stimmt wie die Perlenkette von Nikolas Stäudte, ist das Team Alt ganz selbstironisch in graumäusige Jogging-Klamotten geschlüpft.

Das Intro war durchaus vielversprechend, die kommenden 90 Minuten erschöpfen sich aber in einer Tanz-Battle der beiden Generationen und ein paar Spielchen wie Tauziehen oder Orangen-Engtanz. Hin und wieder blitzen kurze Wortgefechte zwischen den Runden auf. Die Rede-Duelle über Atomkraft, die Menschenkette 1983 gegen Nachrüstung oder Nonbinarität sind aber meist nur ein schlagfertiger Austausch von Klischees und Buzzwords. In die Tiefe gehen die Dialoge zu selten.

Stattdessen ziehen sich die Tanzeinlagen, die anfangs durchaus ihren Reiz haben, zu sehr. Einige Tage vor der Premiere war eine Länge von bis zu 150 Minuten angekündigt, doch auch die gekürzte 90 Minuten-Fassung hat dramaturgisch noch zu viele durchhängende Passagen. In den besseren Momenten hat „Dance me!“ durchaus Charme, gerade auch den Charme des Unperfekten, aber streckenweise wirkt das Treiben auf der Bühne wie ein Kindergeburtstag.

Bilder: Benjamin Krieg

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