Eine Zusammenfassung von allem, was war

Zusammenfassen lässt sich auch dieser 75 Minuten kurze Abend im Container, der kleineren Spielstätte des Gorki Theaters, nur schwer. Im Lockdown stieß Kenda Hmeidan, die über das Exil Ensemble ans Gorki kam, auf die Erzählungen ihrer syrischen Landsfrau Rasha Abbas, die mittlerweile ebenfalls in Berlin lebt.

Obwohl sich der Schmerz des Bürgerkriegs und das Gefühl der Entwurzelung beim Neuanfang in der Fremde durch die Kurzgeschichten ziehen, ist der Ton der Miniaturen oft eher komisch als tragisch. Einige Figuren aus dem Bändchen, das im Microtext Verlag erschienen ist, haben Hausregisseur Sebastian Nübling und sein Ensemble herausgegriffen. Nur selten sind die assoziativ aneinandergereihten Passagen klar im Nahen Osten verortet: Dies ist zum Beispiel bei einem „Syria, Syria“-Klageruf der Fall oder in einer vom Palästinenser Karim Daoud präzise gespielten Miniatur über das übergriffige Verhalten eines ebenso fiesen wie schönen Polizisten an einem Checkpoint zwischen Beirut und Damaskus auf dem Weg zu seinem Geliebten.

Oft spielen die Fragmente aber auch im Nachtleben, wummernde Technobeats von Jessica Khazrik ziehen sich durch den Abend, oder sind in einer ortlosen Fantasy-Welt wie aus einem Video-Game angesiedelt, die Qusay Awad gestaltete, der ebenfalls aus Syrien stammt und nach einem Architekturstudium u.a. als 3D-Designer und DJ tätig ist. Die drei Gorki-Ensemble-Spieler*innen bekamen Lujain Mustafa zur Seite gestellt, die ihre Ausbildung an der Ballettschule Damaskus begann, nach ihrer Flucht 2015 an der Essener Folkwangschule abschloss und zuletzt u.a. mit Nicola Hümpel von „Nico and the Navigators“ zusammenarbeitete.

Charakteristisch für die Abbas-Texte ist, dass sie den Schrecken ins Skurrile kippen lässt: ein abgeschlagener Kopf auf einem Blumentopf kam als Leitmotiv mehrfach vor. Von den 75 Minuten bleibt der Eindruck einer Fingerübung, in der Video und Tanz eine zentrale Rolle spielen und in der das Gorki Theater die Texte einer noch recht unbekannten syrischen Autorin und Journalistin vorstellt, die einen ungewöhnlichen Blick auf die Themen Flucht und Vertreibung wählt.

Bild: Esra Rotthoff

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