Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Mit einem bewährten Team ging Regisseur Andreas Dresen sein Politdrama an: wie schon beim Biopic „Gundermann“ schrieb Laila Stiehler das Drehbuch, eine tragende Rolle übernahm wieder Alexander Scheer, der an Frank Castorfs Volksbühne groß wurde, um das kriselnde Haus am Rosa Luxemburg-Platz aber mittlerweile einen Bogen macht.

Wie geölt müsste der Film eigentlich laufen. Aber zu meinem Erstaunen schlingert Dresens neues Werk, das es als einer von zwei deutschen Beiträgen in den Berlinale-Wettbewerb 2022 geschafft hat. „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ kann sich nicht entscheiden, welches Genre es eigentlich bedienen will.

Die erste Stunde setzt auf Comedy: Meltem Kaplan, deren Vita diverse Comedy-Formate, TV-Moderationen und eine türkische Action-Komödie aufweist, schlüpft in die Rolle von Rabiye Kurnaz, deren Sohn Murat vor zwanzig Jahren als „Bremer Taliban“ Schlagzeilen machte. Ein paar schlagfertige, witzige Drehbuchsätze darf Kaplan performen. Zu oft gerät die Mutter, die auf der Suche nach ihrem Sohn ist, der heimlich in eine Koranschule abhaute und in Guantánamo landete, zur Karikatur.

Als Scheer als zweiter Hauptdarsteller in der Rolle des engagierten Bremer Anwalts Bernhard Docke hinzukommt, wird der Film zum Gerichts- und Politdrama, das der Titel verhieß. Als die beiden Hauptfiguren gemeinsam in die USA reisen, um sich mit den US-Aktivisten und Juristen zu vernetzen, die das wegweisende Supreme Court Urteil von 2004 erstritten, kopiert Dresen einige schwer erträgliche Stereotype von Hollywood-B-Movie-Gerichtsdramen inklusive tränenreicher Statements und Pressekonferenzen.

Es ist verdienstvoll, dass eine große deutsche Kino-Produktion, die vom öffentlich-rechtlichen TV koproduziert wurde, den Fall von Murat Kurnaz und die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen von Guantánamo beleuchtet. Wegen der Passivität der damaligen Bundesregierung beschäftigte sich auch ein Untersuchungsausschuss des Bundestags damit, ansonsten ist diese Causa zwanzig Jahre später kaum noch im öffentlichen Bewusstsein. Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ findet jedoch nicht die richtige Tonlage und die passenden künstlerischen Mittel, um davon zu erzählen, sondern verliert sich im Spagat zwischen Komik und erhobenem Zeigefinger. Es ist deshalb eine fragwürdige Jury-Entscheidung, dass Laila Stieler einen Silbernen Bären für das Beste Drehbuch gewann und Meltem Kaplan zudem auch den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung gewann.

Nach der Berlinale-Premiere vom 12. Februar 2022 soll „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ am 28. April 2022 in den Kinos starten.

Bild: © Andreas Hoefer / Pandora Film

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