Belfast

Zwischen all den schlechten Nachrichten aus Tschernobyl, Kiew und von steigenden Coronazahlen bietet Kenneth Branagh 99 Minuten herzwärmendes, aber recht betuliches Ablenkungs-Kino.

Er nimmt uns mit in seine Kindheit in Belfast 1969. Mehr oder minder eng an seine autobiographischen Erfahrungen angelehnt erzählt er vom neunjährigen Buddy (Jude Hill), der aus seiner Kinderperspektive die Gewalteskalation und den fanatischen Hass zwischen Katholiken und Protestanten wahrnimmt.

In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt „Belfast“, wie die Familie versucht, trotz des Kriegs und der Schutzgelderpressungen ihren Kindern ein möglichst behütetes Aufwachsen zu ermöglichen und ihnen Werte zu vermitteln. Wie eine Furie geht Buddys Mutter (Caitriona Balfe) dazwischen, als er von einer Supermarkt-Plünderung eine Packung Waschpulver mit nach Hause bringt.

Die glücklichsten Momente hat Buddy im Kino: mit leuchtenden Augen strahlt er auf die Leinwand. Das sind auch die raren Passagen, in denen Farbtöne in die Schwarz-Weiß-Melancholie kommen. Sein zweiter Rettungsanker sind seine Granny (Judi Dench) und ihr Mann Pop (Ciarán Hinds). Dementsprechend schwer fällt es ihm, als sein Vater (Jamie Dorman) die Familie nach London holt, um der Spirale aus Gewalt und Perspektivlosigkeit zu entgehen, und nur die Großeltern in der nordirischen Heimat zurückbleiben.

Dass „Belfast“ ein typischer Crowdpleaser ist, zeigte sich schon im Herbst 2021, als er den Publikumspreis von Toronto gewann und damit natürlich auch für das Oscar-Rennen in Position brachte. Mit dem Rückenwind des Golden Globe für den besten Drehbuch, das auch Regisseur Branagh schrieb, geht „Belfast“ als einer der Favoriten und sieben Nominierungen in die Academy-Preisverleihung. Dort konnte er sich über einen weiteren Preis für sein Drehbuch freuen.

Im Kino-Spätwinter macht sich Branagh derzeit allerdings selbst Konkurrenz: Kurz vor „Belfast“ startete auch „Tod auf dem Nil“, seine zweite Agatha Christie-Verfilmung nach „Mord im Orientexpress“ und ähnlich altmodisch-betulich mit viel Patina, wenn man den Kritiken glauben darf.

Bild: Universal Pictures Germany

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