Werther

In Großaufnahme sehen wir Marcel Kohler als tragischer Titelheld Werther, wie er sich auf der Videoleinwand die Pistole an die Schläfen setzt und minutenlang zögert, bis er abdrückt. In den letzten Sekunden kehrt die Inszenierung zu ihm zurück: er liegt in seinem Krankenhausbett, an Schläuche und medizinische Geräte angeschlossen.

Marcel Kohler als Werther, Regine Zimmermann als Lotte

Doch dies ist der einzige schlüssige Bogen, der Ewelina Marciniak, einer sehr begabten jungen Regisseurin aus Polen, während der zwei Stunden in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Vielleicht liegt es auch am von Krankheiten unterbrochenen Probenprozess, aber während dieser zähen Stunden passt wenig zusammen. Das Ensemble rettet sich immer wieder in Slapstick, Pantomime und Stand-up-Comedy, bevor sie sich zwischen Matratzen und aufblasbaren, schwer definierbaren Objekten im hohen Goethe-Ton wieder mit den Vornamen ihrer Figuren aus dem Schullektüre-Briefroman ansprechen. Zwischen Herumalbern und pathetischem Leiden findet die Inszenierung nie den richtigen Ton.

So ziellos wie die gesamte Inszenierung wirkt auch die Überschreibung von Marciniaks Dramaturgen Jaroslaw Murawski, die er als „Ein Spiel von Liebe und Freundschaft“ nach Goethe bezeichnete. Zu den quälendsten Momenten einer missglückten Aufführung zählen die mehrfachen, erfolglosen Versuche der Spieler, das Publikum in der ersten Reihe zum Mitmachen zu animieren.

Bilder: Arno Declair

3 thoughts on “Werther

  1. Soraya Reply

    Rezension – Konrad Kögler (Das Kulturblock)

    „Das Ensemble rettet sich immer wieder in Slapstick, Pantomime und Stand-up-Comedy“ und „zwischen Herumalbern und pathetischen Leiden findet die Inszenierung nie den richtigen Ton“, so resümiert der Kritiker Konrad Kögler das im Deutschen Theater aufgeführte Werk „Die Leiden des jungen Werthers“, inszeniert von der jungen Regisseurin Ewelina Marciniak aus Polen.

    Es ist aber wichtig, Wirkung und bewusst gesteuerte Dramaturgie zu betrachten und gerade die Verkörperung der unterschiedlichen Rollen auch in Bezug auf das Thema des Stücks wahrzunehmen und anzuerkennen. Denn bei dem Stück handelt es sich nicht um eine „missglückte Aufführung“, sondern um eine gelungene neue und eigene Inszenierung der Werther-Tragödie.

    Nach dem Selbstmord Werthers stirbt er nicht direkt, sondern befindet sich noch 12 Stunden lang in einem „schwebenden“ Zustand zwischen Leben und Tod. In diesem Zeitraum beginnt eine Neuerzählung seiner Geschichte und der Liebe zu Lotte.
    Dadurch kann das Publikum direkt mitverfolgen, wie Werther sich (unbewusst) immer weiter in sein Leiden hineinbegibt und kann von außen in genauerer Betrachtung und durch Hinterfragen unter anderem reflektieren, in welchen Szenen es Änderungen für Werther hätte geben können, damit das Stück nicht mit seinem Tod endet.

    Die neue und andere Betrachtung von Jaroslaw Murawski und Ewelina Marciniak zeigt sich während der Aufführung nicht nur in unterschiedlichen szenischen Aspekten, z.B. durch die Musik oder Choreographie, sondern lässt sich auch bei der Verkörperung der verschiedenen Figuren bemerken.
    Denn auch wenn man am Anfang der Aufführung erst einmal die Veränderungen erfassen muss, stellt vor allem Marcel Köhler als Werther die intensiven Gefühle und das starke Leiden, was immer mehr zunimmt, deutlich dar, fasst das Publikum damit und sorgt durch offene Monologe oder Interagieren mit der ersten Reihe für mehr Aufmerksamkeit und differenziertere Auseinandersetzung.

    Auch Torsten Hierse hat als Wilhelm eine entscheidende Rolle, da er nicht nur der Einzige ist, der Werther bewusst machen will in welcher Situation dieser sich befindet. Sondern er leitet das Publikum von Anfang an auch durch seine eher vernunftvolle und unterstützende Art an einen von ihm vorgegebenen Interpretationsansatz durch das gesamte Stück.

    Jaroslaw Murawski und Ewelina Marciniak schaffen also einen eigenen neuen Interpretations- und Assoziationsraum und erstellen eine gezielte Inszenierung. Gerade auch bei der Rollenbesetzung nehmen sie neuartige Änderungen vor und lassen dadurch das Stück dynamischer und lebendiger wirken, aber stellen auch einen Aktualitätsbezug her z.B. durch Verwendung moderner Sprache.

  2. Min-Oh Zeilmann Reply

    Antwort Rezension an Georg Kasch (nachtkritik.de)

    Über eine falsch verstandene Inszenierung…

    „So etwas wie ein ganzes Gefühl gibt`s nur zu Beginn […] ein Werther, der nur noch aus Klischees, Versatzstücken und Negationen besteht ist unerträglich.“
    So fasst Georg Kasch die Theateraufführung „Werther. Ein Spiel von Liebe und Freundschaft“, eine Adaption des Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe, unter Regisseurin Ewelina Marciniak zusammen und macht seinem Unmut über diese „klägliche“ Inszenierung Luft.
    Er beklagt sich über die bedauerliche Leistung der Schauspieler:innen sowie der Regisseurin Ewelina Marciniak, von der man sonst deutlich kraftvollere und entschiedenere Inszenierungen gewohnt sei.
    Diese und viele weitere negative Rezensionen dieser Art habe ich im Zuge eines bevorstehenden Theaterbesuchs des Deutschen Theaters mit eben jener Inszenierung gelesen und bin durchaus voreingenommen und mit keinen großen Erwartungen in die Aufführung gegangen.
    Nach der Aufführung: zuerst Schock, dann ein langer Prozess des Überlegens und schließlich Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass jene gesehene Inszenierung ebenfalls das Produkt eines äußerst komplexen Prozesses des Überlegens und Überdenkens war und ist; eben eine Erkenntnis.
    Erst durch Überdenken bemerkt man, dass diese Inszenierung, dieses so undurchdacht und fahrig wirkende Stück an Genialität und Umsetzung kaum zu übertreffen ist, denn es ist ganz im Gegenteil so, dass die Inszenierung weder undurchdacht sowie schlecht umgesetzt wurde.
    Zwar konzentriert sich Ewelina Marciniak auf ihren eigenen auf sie zugeschnittenen Interpretationsansatz, doch fasst sie einen bestimmten Grundkonflikt des Werther-Romans, eine Problematik die sich nach genaueren Betrachtungen unverkennbar durch ihr gesamtes Stück zieht, wie keine Zweite auf und hält dem Zuschauer zugleich einen „Spiegel“ seiner selbst vor Augen.
    Dem Zuschauer nahegebracht wird diese Problematik durch den „neu“ eingeführten Charakter des Wilhem, der im Gegensatz zum Roman nicht nur stiller Zuhörer, sondern auch einen großen Impact als Charakter für das Stück durch seinen Redeanteil hat. Wilhelm versteht Werther und das sogar deutlich besser als Werther selbst. Er erkennt als einziger, dass Werthers Grundproblem nicht die gescheiterte Liebe zu Lotte ist, sondern die Sehnsucht nach einer Person die einen liebt, die sich zu einem fast schon krankhaften Verlangen nach Liebe entwickelt. Ewelina Marciniak greift mit dieser Problematik in unsere heutige Zeit ein und beschreibt ein Phänomen, dass in Zeiten des Online-Datings nicht neu ist; das Verlangen nach Liebe. Somit stellt Wilhem, der dem Zuschauer wegweisend diesen Interpretationsansatz vorgibt, stellvertretend für die Interpretation von Ewelina Marciniak sowie die Regisseurin selber dar.
    Die Darbietung ist voller Details, auch scheinbaren Banalitäten, die alle wegweisend auf diese Interpretation deuten und erst durch aufmerksames Beobachten entdeckt und gelesen werden können. Werther der sich nach seinem Kopfschuss in seinem Delirium befindet und voller Melancholie auf sein Leben zurückschaut; die Liebe die sich zusammen mit Hoffnung langsam in seinem Herzen einschleicht; Werther der in der damaligen als auch in der heutigen Welt an der Gesellschaft zu Grunde geht und an seiner krampfhaften Liebe scheitert und sich das Leben nimmt: dies sind alles Eindrücke die Ewelina Marciniak dem Publikum modern und dynamisch in ihrem Zweistünder vermittelt.
    Dem Wetteifer zweier Männer um eine Frau, steht die Feministin Lotte gegenüber, die sexuelle Grenzen überwindet, ihren eigenen Weg gehen will und berechtigterweise die Frage aufwirft warum es nie darum geht was die Frau will.
    Mit Witz und Raffinesse schafft Ewelina Marciniak ein Werk, dass zum Nachdenken anregt.
    Ein Werk das man nur dann in seiner Komplexität verstehen kann wenn man sich darauf einlässt und das Stück sowie gesellschaftliche Normen überdenkt. Ein Werk dessen zeitlosen Grundkonflikt sie in ihrer zeitgenössischen Adaption bis in kleinste Detail erfasst und dem Zuschauer nahebringt.
    Es lohnt sich…

  3. Konrad Klein Reply

    Am 10. Mai 2022 veröffentliche Konrad Kögler eine Theaterkritik zu dem Stück „Werther“, welches im Deutschen Theater in Berlin vorgeführt wurde. „Vielleicht liegt es (…) am von Krankheiten unterbrochenen Probeprozess, aber während dieser zähen Stunden passt wenig zusammen.“, so Kögler. Ein Hauch von Empathie wird in dieser Aussage mitgeführt, allerdings kann man ihr nicht zustimmen.
    Kögler beginnt seine Rezension mit der Beschreibung der ersten und letzten Szene, welche seiner Meinung nach : „der einzige schlüssige Bogen …“ sind. Allerdings hält sich das Stück an die grundlegende Struktur aus dem Original „Die Leiden des jungen Werthers“, indem die Kennenlernphase Lottes und Werthers erkennbar gespielt wurde, daraufhin Werther ausschließlich von ihr schwärmen kann, Albert dazukommt, Werther irgendwann zu sehr gequält ist von dem Anblick Lottes und Alberts, abreist, weiterhin in Trauer versinkt, wieder zurückkehrt und Lotte schließlich zum letzten Mal sieht, bevor er Suizid begeht. Zwar wurden einige Szenen leicht verändert, sodass zum Teil Zeitsprünge in eine spätere Zeit als die, in der „Die Leiden des jungen Werthers“ veröffentlicht wurde, entstehen, was aber einen deutlich erkennbaren und legitimen Bezug zur heutigen Zeit hervorbringt. Es wurden also durchaus mehrere sinnvolle Bögen geschaffen.
    Kögler stört sich außerdem an dem nicht zusammenpassenden „Slapstick“ mit dem „hohen Goethe-Ton“. Diese Ansicht kann nachvollzogen werden. Im Stück gab es teilweise starke Kontraste von sehr moderner zu altertümlicher Sprache, welche in dem Zusammenhang zum Originalwerk unangebracht waren, wohl aber lustig rüberkommen sollten. Die als negativ angesprochene „Stand-up-Comedie“ findet zum Teil Berechtigung dafür, als negativ bezeichnet zu werden. So wurde z.B. krampfhaft versucht mithilfe der ersten Reihe und einem klimpernden Gegenstand eine Straßenbahn nachzuahmen, was allerdings eher albern als passend wirkte.
    Kögler scheint sich außerdem nicht an „schwer definierbaren Objekten“ zu erfreuen. Damit sind die vom Publikum als „Wolken“, „Kraken“ oder auch „Plüschtiere“ bezeichneten Stoffkissen gemeint, welche während des Stücks manchmal herabgelassen wurden. Hierzu muss gesagt werden, dass der Bühnenaufbau und angewandte Gegenstände oftmals zeitgetreu nicht zum Veröffentlichungszeitraum des Originals entsprachen, was aber keinen Nachteil mit sich brachte. Im Gegenteil. Die „Objekte“ bringen eine Menge an Interpretationsmöglichkeiten ans Licht und auch viele der anderen Szenen lassen Raum für Verknüpfungen zum Original und für Interpretationsansätze offen, bleiben dabei aber auch nicht völlig undurchschaubar.
    Schlussendlich wird „die gesamte Inszenierung“ als „ziellos“ „missglückt“ betitelt. Ziellos wirkte der Ablauf der Aufführung kurzzeitig tatsächlich, da sich Dialoge teilweise etwas in die Länge zogen, ohne dabei viele Themen zu beinhalten. Missglückt ist das Theaterstück im Großen und Ganzen gesehen aber nicht, da Eindrücke, Problematik und Stimmung des Originals von fähigen Schauspielern gut an das Publikum vermittelt wurden. Meiner Meinung nach sollten nur Einzelheiten, wie das gezwungene Einbeziehen des Publikums, kurzzeitige Albernheiten und unangebrachte Sprache zukünftig vermieden werden.

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