In den besten Händen

Doppeldeutig heißt der neue Film von Catherine Corsini im französischen Original „La Fracture“ und meint damit einerseits den gebrochenen Arm und die Gehirnerschütterung, die sich die impulsive Raphaëlle (Valeris Bruni Tedeschi) zuzieht, als sie im Beziehungsstreit ihrer lesbischen Partnerin Julie (Marina Foïs) hinterher rennt. Andererseits meint „La Fracture“ aber auch den tiefen Riss, der durch die französische Gesellschaft geht. 100 Minuten lang wird in dieser Tragikomödie viel gezetert, geschrien und geschimpft: Die „Gelbwesten“ haben auf den Champs Élysées mobilisiert, die Auseinandersetzungen eskalieren und die Polizei setzt Tränengas ein. In einem seiner hilflosen Statements versucht Präsident Emanuel Macron die Lage zu beschönigen. Aber in der aufgewühlten Atmosphäre der Notaufnahme, in der Raphaëlle und der wütende LKW-Fahrer Yann (Pio Marmaï) mit ihren Blessuren zufällig zur selben Zeit gelandet sind und mit ihren so unterschiedlichen Wertvorstellungen und biographischen Hintergründen mehr als einmal aneinander geraten, interessiert sich keiner für den stumm über den Bildschirm flimmernden Auftritt des Präsidenten.

Auf engstem Raum hat Corsini eine Politkomödie gedreht, die ein drastisches und groteskes Porträt der französischen Gesellschaft zeichnet. Aus künstlerischer Perspektive ist „In den besten Händen“ oft arg holzschnittartig geraten. Bruni Tedeschi wirft sich mit Verve und Slapstick in ihre hysterische Rolle, aber die Figuren machen kaum eine Entwicklung durch, bleiben wie z.B. die Krankenschwester Aïssatou Diallo Sagna zu sehr Thesenträger. Bemerkenswert ist, dass Diallo Sagna auch im echten Leben diesem Beruf nachgeht und als erste Laiendarstellerin einen César für die beste weibliche Nebenrolle gewann.

Bei ihrer zweiten Einladung in den Wettbewerb von Cannes ging Corsini leer aus, bis auf die Queere Palme, das Pendant zum Berlinale-Teddy, den sie für die Selbstverständlichkeit bekam, mit der hier eine lesbische Beziehungskrise in das Politdrama eingebettet ist.

Auch wenn sich „In den besten Händen“ aus cineastischer Perspektive nur bedingt lohnt, ist es dennoch der Film zur Stunde. Knapp ein Jahr nach der Premiere kommt „La Fracture“ nun drei Tage vor der Stichwahl um die französische Präsidentschaft in die deutschen Kinos. Die Lager der Macron- und Le Pen-Anhänger, die sich bei dieser jenseits des Rheins lange kaum beachteten Schicksalswahl für die Zukunft Europas gegenüber stehen, bekriegen sich auf der Leinwand ähnlich intensiv wie im realen Leben.

Bilder: © Alamode Film

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