Als Susan Sontag im Publikum saß

Auch fünf Jahrzehnte später regt diese legendäre Diskussion „A Dialogue on Women’s Liberation“ viele Künstler auf und treibt sie an: 2017 inszenierten Elizabeth LeCompte und ihre legendäre Wooster Group in New York mit „Town Hall Affair“ ein Reenactment dieser hitzigen Debatte über die Frauenbewegung, zwei Jahre später war die Inszenierung beim FIND-Festival der Schaubühne eingeladen und stellte sich als recht belanglose, lippensynchron nachgesprochene Verzwergung des Originals heraus.

Weitere drei Jahre später eröffnet das „achtung berlin“-Festival im April 2022 im Kino International mit einem weiteren Reenactment-Versuch, den Regisseur und Co-Drehbuchautor RP Kahl mit mehreren Schauspielerinnen im Ballhaus Ost organisierte und der bereits im Herbst 2021 beim Filmfest Oldenburg lief. Er übernimmt auch kurzerhand die Rolle des Mannes, der die damalige Veranstaltung mit so viel Alpha-Männchen und Macho-Gehabe an sich reißen wollte, dass es aus heutiger Sicht nur noch zum Fremdschämen ist. Norman Mailer, der Journalist und Schriftsteller, war Anfang der 1970er Jahre nach einer Pulitzerpreis-gekrönten Reportage über den Vietnamkrieg und die Protestbewegung auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als er die New Yorker Kulturszene mit seiner Polemik „The Prisoner of Sex“ empörte.

RP Kahl als Norman Mailer

Diese Streitschrift war Anlass für eine Podiumsgespräch mit vier intellektuellen Frauen: von der National Organization for Women-Aktivistin Jaqueline Ceballos über Germaine Greer, die kurz zuvor „The Female Eunuch“ veröffentlicht hatte und die Literaturkritikerin Diana Trilling bis zur lesbischen Village Voice-Kolumnistin Jill Johnston, die mit ihrer These auftrumpfte, dass alle Frauen lesbisch seien, es aber manche einfach noch nicht wissen.

Immer wieder drängt sich Mailer in den Mittelpunkt, schneidet den Mitdiskutantinnen das Wort ab oder macht sich über sie lustig. Kahl und seine Mitstreiterinnen spielen das nicht 1:1 nach, sondern steigen mit Brechtscher Verfremdung kurz aus ihren Rollen aus und diskutieren auf dem Podium über das Gesagte oder schneiden ihre Diskussionen dazwischen, die sie hinter den Kulissen und bei der Vorbereitung des Projekts führten. Das ist mal oberflächlich, mal selbstbezogen, häufig auch unterhaltsam und erhellend.

Das spannendste Dokument über diese legendäre Runde bleibt aber der Dokumentarfilm „Town Bloody Hall“, den Chris Hegedus und D. A. Pennebaker im Jahr 1979 veröffentlichten.

Kinostart: 5. Mai 2022

Bild: Studio RPK

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