Geschwister

Für seine Spielzeit-Abschluss-Premiere am Gorki Theater wählte Ersan Mondtag wieder einen gruseligen, im Halbdunkel vor sich hindämmernden Ort. Die Szenerie hat das Multitalent diesmal nicht selbst entworfen, Mondtag zeichnet für Regie und Filmszenen verantwortlich, die Bühne baute Simon Lesemann.

In dieser Villa, die Patina, Eleganz, aber auch viel Leblosigkeit ausstrahlt, pinselt Mondtag das Tableau einer von Alt-Nazis dominierten Bundesrepublik aus. Sehr konkret verortet er das Geschehen: wir befinden uns in einer Villa am Wannsee, die „arisiert“ wurde: Falilou Seck, eine glänzende Besetzung für den strengen Patriarchen mit dem rassistischen Gedankengut, das aus der Nazi-Zeit stammt, und Çiğdem Teke haben sich dort zwischen Jagdtrophäen, Hirschgeweihen und dem Porzellan der jüdischen, im Holocaust vertriebenen Eigentümer so eingerichtet, wie es ihrem Bild eines „gemütlichen“ Zuhaues entspricht und kommandieren die muslimische Haushälterin (Tina Keserovic) herum.

Noch präziser wird diese 90minütige Geschichtsstunde am Gorki durch die klug ausgewählten Radio-O-Töne aus Ost und West, die die Proteste der West-Berliner Studenten gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 kommentieren und eine Keimzelle der 68er Proteste bildete.

Diese Familienaufstellung der ersten 70 Minuten ist atmosphärisch so dicht und handwerklich so präzise, wie man es von einem Regisseur der A-Liga und einem starken Ensemble erwarten darf. Unerbittlich tickt die Standuhr, im Takt kratzen die Löffel, Gabeln und Messer über die Teller.

Der Nachteil dieses Tableaus: sehr statisch bleiben die ersten beiden Drittel, geradezu zwangsläufig, denn die Kritik an den eingefrorenen Zuständen ist ja das Kernanliegen des Abends. Was danach kommt, ist auch absehbar: Lea Draeger stürmt als Tochter Elisabeth, die in ihrem Look Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin zitiert, in die Villa und sprengt die Verhältnisse auf.

Nach einem Zeitsprung erleben wir, wie Friedrich (David Bennent in einem Kurzauftritt, zuvor von einem Kinderdarsteller verkörpert) und Eva-Maria (Ariana Andereggen, zuvor von Yanina Cerón gespielt) nach dem Tod des Patriarchen in die Villa ihrer Kindheit zurückkehren. Wieder läuft das Radio, diesmal tönen Berichte über den Mord an Enver Şimşek, das erste Opfer der NSU-Mordserie am 9. September 2000 in Nürnberg. Sehr plakativ fällt Mondtags Fazit aus: trotz des Aufbruchs von 1968 hat sich nichts oder doch viel zu wenig geändert.

Mit freundlich-verhaltenem Applaus wurde diese Lektion in Zeitgeschichte aufgenommen, nicht so ausgelassen-euphorisch, wie sonst oft am Gorki üblich.

Bild: Esra Rotthoff

One thought on “Geschwister

  1. Dietrich Rauch Reply

    Es gäbe sicher viel zu sagen, wozu hier nicht der Ort ist und mir die Zeit fehlt. Ich stimme mit ihrer genauen Beobachtung überein, aber meine Bewertung, trotz großer Sympathie für den Autor und Regisseur, für das Ensemble und insbesondere David Bennent und das Gorki sowieso, fällt komplett anders aus.
    Deja vu vom Feinsten, Langeweile pur, an Banalität nicht zu übertreffen, der Radioton und die Filmsequenzen sowas von “ausgelutscht”! Fazit: Der Abend war für mich überflüssig. Das Stück hat mich auf keiner Ebene erreicht! Nicht intellektuell, nicht emotional, nicht von der Visualität oder dem Hörerlebnis.
    Eine der schlechtesten Aufführungen, die ich über Jahrzehnte im Gorki gesehen habe und weil es sich um ein wichtiges politisches Thema hadelt, ärgerlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.