Die große Klassenrevue

Markenzeichen von Christiane Rösingers HAU-Revuen sind ihr Sprechgesang und der aufklärerische Elan, mit dem sie sich durch politische Missstände wühlt. Im September 2019 beschäftigte sich sich zum Spielzeitauftakt mit den galoppierenden Mieten und der Gentrifizierung, die nicht nur das Kreuzberger 68er-Biotop, das im Schatten der Mauer so prächtig gedeihen konnte, in den vergangenen Jahren so grundlegend veränderte.

Zum Auftakt der aktuellen Spielzeit widmet sie sich einem eng verwandten Thema: den Klassenschranken, der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich und dem seltsamen Phänomen, dass sich in Deutschland fast alle als Mittelschicht definieren, von Privatflugzeug-Besitzer Friedrich Merz bis zur Supermarkt-Kassiererin. Diese rätselhafte Entwicklung thematisieren Rösinger und ihre Mitstreiter*innen pointiert in einem der ersten Songs.

Zuvor legen alle aus dem Bühnen-Ensemble ihre Herkunft offen: beim Privilegien-Check darf jede einen Schritt nach vorn, die ein besonders bildungsfernes Elternhaus und schwere Startchancen hatte. Diese autobiographischen Schnipsel ziehen sich als roter Faden durch den knapp 100minütigen Abend.

Dazwischen gibt es kleine Musical-Nummern, die in ihrem bewusst dilettantischen Charme an das „Hyäne Fischer“-Musical der Volksbühne erinnern, oder klassisches Polit-Kabarett. Die Ballade „Eternal Flame“ wird zum Plädoyer für ein Grunderbe umgedichtet. In einer Talkshow-Parodie stöhnt eine Streetworkerin über die abgeschotteten Reichen-Clans im Grunewald, die für sie einfach nicht zu erreichen sind.

In solchen Momenten blitzt das Potenzial auf, der Rest kommt nicht über eine launige Revue hinaus. Zum Schluss klinkt sich noch als Stargast aus Wien Stefanie Sargnagel ins Geschehen ein.

Nach der Premiere am 20. September 2023 wurde „Die große Klassenrevue“ im HAU 1 am 8./9. Januar 2024 wiederaufgenommen.

Überraschend schaffte es diese Revue auf die Shortlist zum Theatertreffen 2024, war aber dann doch zu leichtgewichtig für die 10er Auswahl.

Bilder: Christoph Voy

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