Das Bildnis des Dorian Gray

Dieser Regie-Einfall hat Witz. Aus dem Halbdunkel heraus taxiert Max Gindorff das Publikum und pflaumt die Zuschauer an: nicht schön genug, nicht elegant genug! Mit diesem Adonis in seinem Rüschen-Kleid kann an diesem Abend niemand mithalten.

Das Publikum verschwindet auch für den Rest des Abends nicht hinter der vierten Wand, sondern wird in kurzen Momenten immer wieder direkt angespielt: mit schreckgeweiteten Augen und angeekelten Blicken unterhält sich das Ensemble über die entstellten Gestalten, die ihnen aus dem „Bildnis des Dorian Gray“ entgegen blicken. Während Gindorffs Dorian selbst so jung und schön bleibt wie und je, wird sein Abbild mit jedem narzisstischen Affront und jedem Tod, den er auf dem Gewissen hat, immer unansehnlicher. Die undankbare Rolle, diese Unansehnlichkeit zu verkörpern, haben wir, das Publikum, zu schultern.

Eine zweite Setzung prägt diesen Abend: Louise-Fee Nitschke durfte sich bei den Kostümen austoben und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Lack und Leder, aber auch viel Mascara, Tüll und Rüschen tragen die vier Spieler*innen. Der norwegisch-finnische Regisseur Heiki Riipinen streicht die Queerness dieses Romans von Oscar Wilde in jeder Sekunde heraus. Im Programmheft unterhalten sich Dramaturg Johannes Nölting und der Maler Norbert Bisky darüber, dass das homoerotische Begehren im Original aus dem Jahr 1890 nur zwischen den Zeilen zu lesen sei. Diese Argumentation wirkt nicht schlüssig: schon die Zeitgenossen erkannten die queeren Figuren-Konstellationen sehr genau, sein einziger Roman spielte eine Schlüsselrolle bei der Verurteilung von Oscar Wilde. In der Haft schrieb er den Klage-Brief „De Profundis“, den seit Beginn der Spielzeit Jens Harzer einige Meter weiter auf der großen Bühne vorträgt: Zwei Inszenierungen, die sich ergänzen.

Neben Amal Keller, die in den vergangenen Jahren an verschiedenen Häusern mit Lucia Bihler und Claudia Bauer arbeitete und für ihre Einlagen Szenen-Applaus erhält, muss man vor allem Max Gindorff in der Titelrolle nennen. Mit seinem den gängigen Schönheitsidealen entsprechenden Gesicht und athletischen Körper ist er eine glänzende Besetzung für den Dorian Gray. Selbstverliebt tänzelt sein Dorian durch den Abend und trägt dieses Kammerspiel, in dem sich Amal Keller, Gabriel Schneider und Paul Zichner alle übrigen Rollen teilen, die Riipinen in seiner stark gekürzten Fassung belässt.

Dennoch zieht sich der Abend in die Länge. Erst um 22.45 Uhr verklang der Premieren-Applaus. Bis dahin erleben wir eine solide Roman-Adaption, die von den beiden eingangs geschilderten Setzungen und ihrem Hauptdarsteller lebt, der während der Pause ein Tanz-Solo im String-Tanga bietet. Riipinen transportiert die entscheidenden Sequenzen der Roman-Vorlage, trotz aller Schauwerte der Kostüme ist diese neue Inszenierung dennoch schwerfälliger als seine „Hedda“, mit der er 2024 in der WORX-Reihe, mit der Oliver Reeses Berliner Ensemble den Regie-Nachwuchs fördert, überraschte.

„Das Bildnis des Dorian Gray“ hatte am 19. März 2026 im Neuen Haus des Berliner Ensembles Premiere. Die nächsten Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Bilder: Jörg Brüggemann

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert