Ein stiller Film mit langen, oft statischen Einstellungen ist Visar Morinas Sozialdrama „Von Scham und Geld“. Ein Film, der Zeit und Ruhe braucht, um zu wirken. Ein Film, den man typischerweise in der arte-Mediathek oder kurz vor Mitternacht dort im TV-Programm sieht.
Mit zwei renommierten Preisen im Rücken (Grand Jury Prize in der World Cinema Dramatic Competition, die nach den neuen Regeln auch eine Nominierung für die nächste Oscar-Auswahl des besten fremdsprachigen Films garantiert, und der Hauptpreis im CineMasters-Wettbewerb beim Filmfest München) bekam „Von Scham und Geld“ eine Woche vor dem Kinostart die große Bühne.
In der Kulturbrauerei gab sich der Botschafter des Kosovo die Ehre, diesen Film vorzustellen. In seine abgelesene Laudatio baute er auch eine kurze Anspielung auf die Verurteilung des ehemaligen Präsidenten Hashim Thaçi vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag ein, bei der jedoch nicht klar wurde, worauf die Andeutung hinaus wollte.
Aber der Film über prekäre Arbeitsbedingungen sollte ja für sich sprechen. Doch leider wird ihm das so schwer wie möglich gemacht. Dass meine Sitznachbarin eine sehr unglückliche Mischung aus ADHS und Borniertheit im Endstadium mitbringt, die sie anscheinend zwingt, trotz aller Ermahnungen regelmäßig aufs Handy zu starren, wie viel Zeit seit dem letzten Mal vergangen ist, ist ein unglücklicher Umstand und ein Symptom, dass zumindest auch für sie die Dramaturgie zu holprig und schleppend war.
Leider wurde der Film auch vom Team selbst gestört. Der Kameramann, der den Einlass filmte, hielt auch während des Films auf den dunklen Saal und erzeugte unnötige Lichtquellen, als er sein Material checkte. Das ist natürlich eine Einladung, dass auch sonst jeder macht, was er will: mitten während der Vorstellung starten zwei Zuschauerinnen ein Video, in dem sie der Welt präsentieren wollen, dass sie gerade im Kino sitzen.
Jedes Meisterwerk hätte in diesem filmkunstfeindlichen Umfeld und unter diesen Bedingungen einen verdammt schweren Stand. Erst recht gilt das für einen Film, der sehr sperrig und langsam erzählt, der Konzentration und Darauf-Einlassen braucht.
Das Schicksal von Shaban (Astrit Kabashi) und seiner Frau Hatixhe (Flonja Khodeli), die ihren Hof verlieren und bei Verwandten in Pristina unterkommen, berührt unter den Umständen kaum. Was den Film preiswürdig machte, blitzt in seltenen Momenten auf. Angeheuert am „Arbeiterstrich“ muss Shaban bei einer Entrümpelungs-Aktion mitschuften. Diese kurze Szene, die ohne oft schleppende Dialoge auf der Leinwand und ohne Störungen im Saal auskommt, lässt in ihrer Verdichtung die Atmsosphäre von Tristesse und Verzweiflung spüren, die Visar Molina vorschwebte.
Kontrapunkt zu den prekären Arbeitsbedingungen ist die Statue von Bill Clinton, die am Ende groß ins Bild gerückt wird. Plakativ gibt sie uns zu verstehen: der American Dream, der in den 1990ern noch so viel Strahlkraft und Globalisierungs-Power entfaltete, ist für Shaban und viele andere im Kosovo nur ein Traum, der nichts mit ihrer Realität zu tun hat.
Am 24. September 2026 startet „Von Scham und Geld“ in den deutschen Kinos.
Bild: ©JanisMazuch, eksystent