Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste

Eine Spürnase hat die Dramaturgie des Deutschen Theaters Berlin bewiesen: Im Frühjahr 2025 erntete Jakob Hein, Schriftsteller und Psychiater, zwar positive Kritiken, aber einer breiten Öffentlichkeit blieb sein Roman mit dem langen Titel „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ doch verborgen.

Auf der Suche nach einem spannenden Stoff für die neue Spielzeit dachte das DT, wie Intendantin Iris Laufenberg bei einem Einführungs-Talk vor wenigen Wochen berichtete, zunächst über das „Narrenschiff“ von Jakob Heins prominentem Vater Christoph Hein nach, entschied sich aber doch für den „Grischa“-Stoff und landete einen Treffer.

Der bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Band ist mit 256 Seiten so schmal, dass man ihn entspannt an einem Nachmittag lesen kann und am Ende ein Lächeln auf den Lippen hat. In der Tradition des Schelmenromans erfindet Hein die junge Hauptfigur Grischa, die gutmütig-naiv und übermotiviert durch die jüngere Zeitgeschichte des Jahres 1983 stolpert.

Grischa (mit Frieder Langenberger hervorragend besetzt) hat als Sohn von Provinz-Funktionären aus Gera allerbeste Karrierechanchen und beginnt als frischgebackener Absolvent in der Staatlichen Planungskommission der DDR. Sein Chef „Ralfe“ Burg (Jonas Hien) macht ihm rasch klar: die Abteilung, die sich um den Außenhandel mit Afghanistan kümmert, hat absolut nichts zu tun. Dem Berufseinsteiger gibt er mit auf den Weg, dass hier „kunstvolles Warten“ angesagt ist, eine Profession, die manche in der Ministerialbürokratie bis heute meisterhaft beherrschen. Die hohe Kunst ist, stets beschäftigt zu wirken und doch nichts zu tun.

Grischa schafft das nicht so ganz: er liest und hackt in die Schreibmaschine und produziert zum Entsetzen seiner Vorgesetzten doch ein Ergebnis. Der Handel mit Afghanistan soll dadurch angekurbelt werden, dass der berühmte „Schwarze Afghane“ in die DDR eingeführt wird. In einem Kiosk an einem Grenzübergang zu West-Berlin sollen die Cannabis-Päckchen als Pilot-Projekt angeboten werden. Als sich dies in der Kreuzberger Hausbesetzer-Szene herumspricht und die Devisen sprudeln, entsteht so viel Unruhe, dass Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (Alexej Lochmann in einem furiosen Monolog) ebenso auf den Plan gerufen wird wie das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen, das in Bonn im Dornröschenschlaf dämmert und als „Broschürenministerium“ verspottet wird. Wie ähnlich sich die bürokratischen Apparate sind, macht Wilke Weermann in seiner Inszenierung auf der Kammer-Bühne des DT schon dadurch überdeutlich, dass er Jonas Hien in einer Doppelrolle besetzt. Er führt später in Bonn mit der Referendarin Wiebke (Daria von Loewenich) fast wortgleich dasselbe Gespräch wie zuvor sein Pendant in Ost-Berlin mit Grischa.

Den Schelmenroman von Hein spitzt der junge Regisseur Wilke Weermann zur Bürokratie-Farce zu. Der Plot wird auf rasante 100 Minuten verdichtet. Natürlich fallen einige schöne Details aus dem Roman in der Bühnenfassung weg, das ist bei Adaptionen geradezu unvermeidlich. Aber Weermann und sein Team haben ein gutes Gespür, wo sie die Schraube anziehen und von der Komik des Romans noch einen Tick weiter zur Typenkomödie drehen können.

Unter den Betonfrisuren von Alexander Naumann erleben wir ein DT-Ensemble, das die Figuren aus der Roman-Vorlage dankbar als Spielfutter aufnimmt un die Eigenheiten besonders herausstreicht. Natali Seelig hat sichtlichen Spaß, in die Rolle der MfS-Offizierin Siebert zu schlüpfen, die bei der Dienstreise mit den Kollegen nach Afghanistan penibel überwacht, dass niemand vom sozialistischen Pfad abweicht und sich genauestens die subjektiven Empfindungen der Haschisch-Trips schildern lässt.

Roman und Bühnenfassung verknüpfen den fiktiven Stoff geschickt mit einem historisch verbürgten Ereignis. Alexander Schalck-Golodkowski, Chef der „Kommerziellen Koordinierung) und Franz-Josef Strauß, Landesvater des Freistaats Bayern, ewiger Rivale des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und Pate eines „Amigo“-Netzwerks, fädelten einen Milliarden-Kredit ein, der dazu beitrug, dass die marode DDR noch ein paar Jahre bis zum Mauerfall durchhielt.

Bis heute ist unklar, was die Hintergründe dieses Deals gewesen sein könnten, wie Norbert F. Pötzl, jahrzehntelang Redakteur des SPIEGEL, im kenntnisreichen Einführungs-Gespräch erzählte. Die Version, die Jakob Hein in seinem Schelmenroman auftischt, fabuliert sich in diese Lücke hinein.

„Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ wurde am 25. September 2026 in der Kammer des Deutschen Theaters uraufgeführt.

Bilder: Thomas Aurin

 

 

 

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