Schier endlos mäandert dieses Porträt mafiöser Strukturen an der Peripherie Europas. Staubige Straßen und die tiefen Furchen, die das Leben in den Gesichtern der beiden Hauptfiguren Veska (Yana Radewa) und Said (Syuleyman Alilov Letifov) hinterlassen hat, sind die ersten, prägenden Eindrücke.
Wie auch zuvor schon drehte Valeska Grisebach ihren Film mit Laien in Svilengrad, an der Grenze von Bulgarien zur Türkei und Griechenland. Die Autobahn, die wir in einigen Einstellungen sehen, führt zu einem der wichtigsten Grenzübergänge zwischen der Türkei und der EU, mit allen Begleiterscheinungen von Menschenhandel und Drogendeals, die diese Lage mit sich bringt.
Doch die Regisseurin Grisebach, ihr Kameramann Bernhard Keller und Bettina Böhler (Schnitt) interessieren sich mehr für die Schotterpisten und das Leben der Alteingesessenen. Beide Hauptfiguren kommen in diesen Mikrokosmos zurück, führen Gespräche, geben wenig davon preis, was sie wirklich antreibt.
Viel Geduld erfordert diese Erzählweise. Nur langsam wird der Blick auf tiefere Schichten frei. Die Arbeit der Archäologin Veska, das Graben und Buddeln nach der Bedeutung der Bilder und Dialoge, müssen die Zuschauer selbst übernehmen und die Splitter zusammensetzen.
Worum es Grisebach geht, wird am Ende doch klar: sie erzählt von einer klassischen Western-Story, von der regellosen Wildwest-Zeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Dies aber nicht in einem Western-Plot, sondern in einem bewusst entschleunigten Puzzle aus kleinen Splittern und Andeutungen aus weiblicher Perspektive. „Ich hörte in Bulgarien immer wieder die Worte von einer männlichen Zeit und dass die Zeit keine Zeit für die Frauen war“, erzählte Grisebach in einem Interview. Um die Frauen, die in den Clubs von den Jung-Mafiosi in der Goldgräberstimmung des Umbruchs wie Freiwild behandelt wurden, geht es ihr.
Dieser osteuropäische Blick auf die Verwerfungen der Transformation wurde im Westen oft unterschätzt und weniger wahrgenommen. Die Verzweiflung über das Wegbrechen fester Strukturen und die Anarchie, die Oligarchen und Mafia-Strukturen für sich nutzten, ist allerdings auch ein Ansatzpunkt dafür, wie Putin den Aufstieg zum autokratischen Herrscher und Kriegsherrn im Kreml schaffen konnte.
„Das geträumte Abenteuer“ schleicht um diesen Mikrokosmos aus harter Arbeit, kleinkriminellen Deals und toxisch-mafiösen Strukturen wie um den heißen Brei. Das macht diese fast drei Kino-Stunden anstrengend. Zur Qual werden sie dann, wenn man Sitznachbarn wie bei der Berlin-Premiere gestern im Kino International erwischt: ein Typ, der offensichtlich zur Begleitung des Veranstalter-Teams gehörte, interessierte sich wesentlich mehr für seine Chats als für die vor sich hinsuppenden Film-Dialoge. Erlösend, als er nach Intervention eines Nachbarn endlich rausging. Die Sitznachbarin hinter mir trat mehrfach zappelnd gegen die Sitzlehne, da fruchteten auch alle Ermahnungen und Bitten schon zu Beginn nichts.
Valeska Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“ ist wie gemacht für das Nachtprogramm des koproduzierenden Senders arte. In Cannes gewann er dennoch überraschend den Preis der Jury und somit eine der Silbernen Palmen. Kurz danach feierte er seine Deutschland-Premiere beim Filmfest München. Bulgarien hat ihn bereits als seinen Kandidaten für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert.
„Das geträumte Abenteuer“ startete am 24. September 2026 in den deutschen Kinos.
Bild: Piffl Medien, Komplizen Film