Ein starker Abend liegt hier begraben. Ein Abend, der Theatertreffen-würdig ist und Schauspielerin des Jahres-Flair verströmt.
Das Thema Demenz ohne Klischees mit so viel Fingerspitzengefühl zu bearbeiten, erfordert Meisterschaft. Regisseur Christopher Rüping und Wiebke Mollenhauer, mit der er seit Studientagen eng zusammenarbeiten, besitzen diese Klasse.
Die Szenen, in denen Mollenhauer mit dem Publikum als ihrem imaginärem, dementem Vater spricht, sind Theaterglück. Was wären das für tolle 100, vielleicht auch 120 Minuten zum Abschluss der Ruhrtriennale und zum Saisonauftakt des Deutschen Theaters Berlin geworden!

Doch leider ist das nur eine Wunschvorstellung. Dieser starke Abend ist begraben unter einem Wust konkurrierender Einfälle, die zu nichts führen als zu einem großen Berg an dramatugischem Material, das wild durcheinandergewürfelt und dem Publikum vor die Füße gekippt wird. Die Quittung: ein großer Teil des Publikums kommt nach der Pause nicht wieder.
Gegenüber der Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle wurde „Deutscher Herbst“ bereits um ca. 20 Minuten gekürzt, aber dieser Abend bleibt dringend überarbeitungsbedürftig. Das Juwel im Zentrum, mit dem der Abend beginnt und zu dem er auch immer wieder zurückkehrt, ist überwuchert von einem beliebigen Mash-up. Blümchen (Svenja Liesau) tritt auf, der romantische Maler Caspar David Friedrich (Komi Mizrajim Togbonou) geistert durch die Szenerie und als einziger Gast am DT darf Steven Adjei Sowah einige Passagen aus Stig Dagermans Reportagen-Band „Deutscher Herbst“ nacherzählen. Alles steht unverbunden nebeneinander, watet durch tiefe dramaturgische Löcher und führt zu nichts.
Das ist deshalb so schade, weil auch der Reportagen-Band „Deutscher Herbst“ ein Juwel ist: der gerade mal 23 Jahre junge Schriftsteller Stig Dagermann reiste vor genau 80 Jahren im Auftrag der schwedischen Tageszeitung Expressen durch die Trümmer der westdeutschen Besatzungszonen und reflektierte über den Hunger, die Entnazifierungs-Farce der Spruchkammern und die zwischen allen Stühlen sitzenden Flüchtlinge. Kurz danach veröffentlichte er die Eindrücke in einem äußerst lesenswerten Band voller hellsichtiger Beobachtungen. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen. Die kleinen Ausschnitte in der Inszenierung sind nicht nur Häppchen, die im besten Fall Interesse wecken.
Zwischen den Trümmer-Reportagen und dem dementen Vater gibt es tatsächlich eine tragfähige Verbindung: sie beschreiben die sogenannte „stille Generation“, die in ihrer Jugend traumatisiert wurde und sich hinter einem Schutzpanzer verkroch. Die schwieg, verdrängte und zu vergessen versuchte.
Es lohnt sich, den neu aufgelegten Reportage-Band zu lesen. In der Zwischenzeit ist dann hoffentlich auch der Theaterabend „Deutscher Herbst“ grundlegend überarbeitet und entschlackt und zu einer kompakten, runden Inszenierung geworden, die sich ebenfall lohnt.
„Deutscher Herbst“ hatte am 17. September 2026 in der Jahrhunderthalle Bochum Premiere. Am 26. September wurde die Koproduktion ins Repertoire des Deutschen Theaters Berlin übernommen.
Bilder: Eike Walkenhorst