Der Heimatlose

Zur Eröffnung der Debütfilm-Reihe Perspectives überraschte „Der Heimatlose“ von Kai Stänicke auf der Berlinale 2026 mit seiner Formstrenge und Kunstfertigkeit. Extrem reduziert ist die Ausstattung. Wie in Lars von Triers „Dogville“ (2003) werden die Wohnhäuser nur durch Theaterkulissen und Pappwände angedeutet. Aus der Zeit gefallen wirken die historisierenden Kostüme der Inselbewohner. Sehr gewählt, aber auch sehr antiquiert wirkt die Wortwahl der Insulaner. Diese Verfremdungseffekte, die zum Teil dem sehr knappen Budget geschuldet sind, zum Teil aber auch bewusste Drehbuch-Entscheidungen des Regisseurs, lassen „Der Heimatlose“ wie eine Parabel erscheinen.

Die schwierige Suche nach Identität, Ausgrenzung und Abschottung sind die zentralen Themen dieses überraschenden Debütfilms. Ein geheimnisvoller Fremder (Paul Boche) kehrt auf eine Insel zurück. Handelt es sich wirklich um Hein, einen verlorenen Sohn der Gemeinschaft, oder einen Hochstapler.

Um das zu klären, beruft die Ortsvorsteherin (Julia Jenkins) ein Gerichtsplenum aller Bewohner auf dem zentralen Platz ein. Markante Erinnerungen werden von den Zeugen vorgetragen und mit der Version des Angeklagten abgeglichen. Wie trügerisch und fragmentarisch die Erinnerungen sein können, wird in diesen langen Szenen deutlich herausgearbeitet.

Florian Mags Kamera gibt der rauen Natur des Drehorts Norderney ebenso viel Raum wie Kai Stänickes Drehbuch den Ecken und Kanten seiner Figuren. In 122 Minuten entfaltet das auf den ersten Blick so sperrige und spröde Drama aus der ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ in all seiner Konsequenz einen starken Sog.

Schon nach der Berlinale-Premiere am 13. Februar 2026 waren die Kritiken von Tagesspiegel bis taz sehr angetan von der Originalität und mutigen Formstrenge, eine Woche später gewann „Der Heimatlose“ bei der Teddy-Verleihung mit dem Jury Award den zweitwichtigsten Preis. Zur Stärke dieses Dramas gehört, dass sich erst nach und nach entfaltet, was dieses Werk für den queeren Filmpreis qualifiziert.

In den vergangenen Monaten folgten diverse Einladungen zu Festivals wie zum Lichter Festival oder zum Internationalen Filmfestival Emden-Norderney sowie der Publikums-Preis und der Preis für das beste Szenenbild beim Neiße Filmfestival und der Out in the Silence Award beim San Francisco International LGBTQ+ Film Festival.

Am 27. August 2026 startet „Der Heimatlose“ in den deutschen Kinos.

Bilder: Florian Mag

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