Music Music

Der US-amerikanische Choreograph Trajal Harrell, der während Nicolas Stemanns Schauspielhaus-Intendanz dort Hausregisseur war und das Zürich Dance Ensemble gründete, ist nicht nur Stammgast von Tanz im August, sondern einer der prägenden und gefragtesten Künstler im Modern Dance. „The Köln Concert“ war im August 2022 ein besonderes Highlight, auch „The Romeo“ im darauffolgenden Jahr wurde von einigen gefeiert.

Dementsprechend wurde sein Solo mit Spannung erwartet, das am mittleren Wochenende der aktuellen Festival-Ausgabe 2026 von 21.-23. August im HAU 1 lief. Geradezu hymnisch war die Begeisterung von FAZ-Tanz-Expertin Wiebke Hüster nach der Premiere im Volkstheater Wien am 23. Mai 2026, schon kurz danach fand die deutsche Erstaufführung im Rahmen der KunstFestspiele Herrenhausen am 2. Juni im Schauspielhaus Hannover statt. Ohne sein oft flamboyantes Ensemble, ganz puristisch als Solo nur mit schillernden Kostümen, den schwingenden Bewegungen und Musik sollte Harrell auftreten, hatte Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, mit ihm verabredet und ihn für Teil VII seiner losen Reihe Histoire(s) du Théâtre gewonnen.

Ein typischer, von Trajal Harrell bereits gewohnter Move ist, dass er in der ersten Szene unter einem ganzen Berg von Kleidungsschichten, einer „Accrochages“ von Kostümen, auf die Bühne kommt und sich für das Publikum eine kleine Aufgabe ausgedacht hat. Jeder soll sein Smartphone zücken und sich das knallbunt-schräge Video zu „Cold Heart“ (2021) von Elton John und Dua Lipa ansehen. Ein asynchrons Fiepen und Piepen setzt ein, während der Song aus sehr vielen Smartphones schallt. Dieser Song mache ihm zuverlässig immer gute Laune, und so wie dieser Clip solle auch der folgende 70minütige Abend werden.

Doch das bleibt leider ein frommer Wunsch des Choreographen: „Music Music“ stellt sich als selbstverliebte Fußnote zu einem beeindruckenden Gesamtwerk heraus. Harrell reiht in beliebiger Collage einige Musikstücke von Rock bis Barock und Garderoben-Kreationen aus früheren Arbeiten aneinander. Was schleppend beginnt, wird nach einer kurzen, selbstironisch-augenzwinkernden Pause noch zäher.

Auf der Bühnen-Rückwand verdunkelte das Lichtdesign langsam die Projektion des legendären Steinbruchs Carrière de Boulbon in der Nähe von Avignon als Hommage an einen weiteren Koproduktionspartner von „Music Music“. Beim Festival d´Avignon lief das Stück von 22.-24. Juli 2026, allerdings nicht in besagtem Steinbruch, sondern im Cloître des Carmes. Solche Finessen des Lichtdesigns werteten den ziellos dümpelnden Abend etwas auf. Immerhin legte sich in diesen Momenten auch die ansonsten fast ständige Unruhe im Berliner HAU 1. Mit seinem dramaturgischen Anfängerfehler hat sich Harrell selbst ein Ei ins Nest gelegt: nach seiner Aufforderung ganz zu Beginn, das Smartphone einzuschalten und das oben genannte Video abzuspielen, legten einige ihr Gerät gar nicht mehr aus der Hand. Da es auch noch einige Längen und Redundanzen gab, wurde die Performance von einigen nur mit halbem Auge begleitet, während sie ihre Nachrichten beantworteten.

Der Applaus fiel dementsprechend nur freundlich aus, ein paar wenige applaudierten zaghaft stehend, während die große Mehrheit sitzen blieb. Erst als Harrell ausdrücklich darum bat, dass er gerne noch in einem richtigen Applaus baden möchte, gab es die standing ovations, die diese enttäuschende Fingerübung nicht verdient hat.

Bilder: Nurith Wagner-Strauss

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