Glücklich die Glücklichen

Sie war einer der großen Stars des Literaturbetriebs der 1990er und 2000er Jahre: Yasmina Reza hielt dem Bildungsbürgertum mit einer pointiert zugespitzten Beschreibung von Alltagssituationen, die sie wie im „Gott des Gemetzels“ (2006, von Hollywood 2011 verfilmt) zu immer neuen Eskalationstufen weiterdrehte, den Spiegel vor. Ihre Narzissmus-Studie „Kunst“ (1994) bescherte ihr den Durchbruch und wurde zum Welterfolg, Oliver Reese hält seine eigene Inszenierung des früher landauf, landab gespielten Stücks weiterhin im Repertoire des Berliner Ensembles.

Aus dem Jahr 2014, als Reza ihren Zenith schon etwas überschritten hatte, stammt das Bändchen „Glücklich die Glücklichen“. Formal als Roman betitelt, handelt es sich um einen Reigen von Miniaturen. In kurzen Monologen reflektieren die Vertreter des Pariser Bürgertums, die Lieblings-Beschreibungsobjekte der Autorin, ihren Beziehungsstatus und ihre Alltagssorgen.

In den besten Fällen entstehen kleine Kabinettstückchen, in denen wieder die unverkennbare Reza-Atmosphäre glitzert und schillert. So z.B. in der Episode an der Käsetheke, an der ein so harmlos-alltäglicher Akt wie der Supermarkt-Einkauf von Robert Toscano zum Psychodrama mit seiner Gattin Odile bis an die Schwelle der Gewalt eskaliert. Reza begann ihren Reigen damit, Oliver Reese montierte diese Geschichte in die Mitte seiner Regie-Arbeit im Neuen Haus des Berliner Ensembles.

Ein zweites Kapitel hob die FAZ-Kritikerin Sandra Kegel in ihrer Besprechung damals besonders hervor: die seelischen Abgründe und Missbrauchs-Traumata des Onkologen Philip Chemla sezierte Reza in seinem Monolog über die Lust, sich von den Strichern im Bois de Boulogne benutzen zu lassen. Gerrit Jansen durfte beide genannten Figuren spielen und somit die prägnantesten Szenen des Theaterabends setzen.

Aus dem Rondo von 21 Prosa-Miniaturen hat der regieführende Intendant Reese 12 Geschichten ausgewählt, die im Wartehallen-Tristesse ausstrahlenden Bühnenbild (Hansjörg Hartung) aneinandergereiht werden. So unbehaust fühlen sich die Figuren auch in ihrem Leben. Die Short Cuts werden zum Teil mit Chansons verbunden, meist kommt jedoch einfach der neue Spieler durch eine Tür herein, während die vorherige Spielerin abgeht. Erst zum melancholischen Schlussbild sind alle fünf, die sich die 12 Monologe teilten, auf der Bühne versammelt.

Lesenswert ist das Programmheft-Interview mit der Soziologin Eva Illouz über den emotionalen Kapitalismus. Ihre Thesen unterlegen das Kammerspiel-Panorama über die Leerstellen und Sehnsüchte des beschriebenen Bürgertums wissenschaftlich fundiert und sehr prägnant. Jedenfalls deutlich prägnanter als der Theater-Abend: die Monologe werden auf die Dauer redundant, zu sehr ähneln sich einige Figuren von Cordelia Wege, die in dieser Produktion am BE gastiert und mit kleineren Texthängern die submissiv-devoten Phantasien schildert, mit denen sich ihre Figuren aus dem bürgerlichen Eheleben flüchten.

Es hat schon Gründe, warum die Prosaminiaturen bis zur deutschsprachigen Erstaufführung, die am 11. September 2026 im Neuen Haus des Berliner Ensembles Premiere hatte, seit mehr als zwölf Jahren niemand angefasst hat, obwohl der Name Yasmina Reza für viel Theater-Stammgäste immer noch einen ganz besonders anziehenden Klang hat. Ohne echten dramaturgischen Spannungsbogen entstehen auch hier nur kleine hingetupfte Skizzen, deren Grundmuster sich wiederholen.

Bild: Gianmarco Bresadola

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