Zu einem kurzen Spaziergang durch die deutsche Kulturgeschichte lädt der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski sein Publikum ein. Wie von ihm gewohnt in strengen Schwarz-Weiß-Bildern und langsamen Einstellungen erzählt er von der Rückkehr des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann aus seinem kalifornischen Exil. Anlässlich des 200. Geburtstags von Johann Wolfgang von Goethe wurde ihm im Sommer 1949 der Goethe-Preis verliehen – allerdings gleich in doppelter Ausführung. Die nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft gerade neu gegründeten deutschen Teilstaaten in Ost und West wollten die bourgeoise Geistesgröße für sich vereinnahmen: deshalb wurde ihm sowohl in der Mainkloake als auch in Weimar der rote Teppich ausgerollt.
Soweit ist es historisch verbürgt, doch Pawlikowski und sein Co-Drehbuchautor Henk Handloegten nahmen sich einige Freiheiten. Im wahren Leben wurde Thomas Mann (Hanns Zischler) nicht von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), sondern seiner Frau Katja begleitet. Sein Sohn Klaus (August Diehl) nahm sich nicht während der Reise, sondern schon einige Wochen davor in Cannes das Leben.
Dieses freihändige Jonglieren mit den Fakten nutzt „Vaterland“ für fiktive Dialoge, in denen sich reale Spannungen und Beziehungsmuster der Künstler-Familie Mann besonders plakativ darstellen lassen. Mit der Geistes- und Kulturgeschichte der deutschen Nachkriegszeit sollte man dennoch vertraut sein, da man den kurzen Auftritten der Gesprächspartner sonst schwer folgen kann. Das gilt sowohl für die Konfrontation von Thomas Mann mit den Wagner-Enkeln Wolfgang und Wieland (Enno und Theo Trebs), die er verbal k.o. schlägt, als auch für Erika Manns Ohrfeige für ihren gockelhaften Ex-Mann Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff). Wer den jeweiligen Kontext um den Wagner-Festspiel-Kult in Bayreuth oder die Auseinandersetzung um den „Mephisto“-Roman parat hat, kann den Passagen mit einem Schmunzeln folgen.
Negativ überrascht jedoch, wie wenig Pawlikowski jenseits der schönen Bilder von Łukasz Żal zu erzählen hat. „Vaterland“ ist doch nicht mehr als bildungshubernder Sonntags-Spaziergang durch Kultur- und Zeitgeschichte.
Nach der Premiere im Cannes-Wettbewerb am 14. Mai 2026 wurde Pawlikowski dennoch mit der Silbernen Palme für die beste Regie ausgezeichnet, die er sich mit dem spanischen Duo Javier Ambrossi und Javier Calvo teilte. Kurz danach eröffnete die arte/BR-Koproduktion am 26. Juni 2026 das Filmfest München und startete am 3. September 2026 in den deutschen Kinos.
Bild: Agata Grzybowska