2023 landeten sie den Hit der Saison: der Anthropolis-Marathon der regieführenden Intendantin Karin Beier und des Autors Roland Schimmelpfennig räumte fast alle Preise ab, die im kommenden Jahr zu vergeben waren. Lina Beckmann wurde mit Standing Ovations zur Königin des Theatertreffens und mit gewaltigem Vorsprung zur Schauspielerin des Jahres 2024 gewählt.
Natürlich ist die Versuchung groß, an dieses Erfolgsformat anzuknüpfen und einen zweiten großen Wurf zu versuchen. Drei Jahre später eröffnen Beier/Schimmelpfennig die Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg wieder mit einem Marathon. Anders als damals werden die ersten drei Blöcke für Netflix-erprobte Bingewatching-Fans gleich an einem Wochenende über die Premieren-Rampe gebracht.
Der Auftakt stand jedoch unter einem schlechten Stern: Michael Wittenborn musste während der Hauptprobe ins Krankenhaus eingeliefert werden. Seinen Einführungs-Monolog liest der Autor Schimmelpfennig, seine weiteren Texte teilt sich das Ensemble auf, doch als Orpheus in der Argonautensage, dem dritten Teil des Eröffnungsabends, hinterlässt er eine sichtbare Lücke.
Dass sich zum Einstieg in den „Fremde Sonne“-Marathon noch nicht alles fügt und rund läuft, ist somit sicher auch dem krankheitsbedingten Ausfall des Spielers geschuldet, dem schnelle Genesung zu wünschen ist. Es ist aber offenkundig auch dramaturgisches Konzept. Es wird noch viel ausprobiert, langsam herangetastet, es bleibt aber noch Stückwerk. Slapstick trifft auf Mystery. Soli wie von Mirco Kreibich als Zentaur Chairon im „Zwischenspiel“ wechseln sich mit opulenten Massenszenen ab. Eine ganze Armada von Ruderern lässt in „Die Argonauten: Auftrag, Abbruch und Irrfahrt“ die Muskeln spielen. Düsteres Licht und viel Kunstblut begleiten den Raubfeldzug auf der Suche nach dem Goldenen Vließ.
Viel bekannte Theatermittel illustrieren die bekannte Grundthese: Gewalttätig und brutal ist die Geschichte der Menschheit, getrieben von Gier. Also noch viel Luft nach oben nach dem ersten, mehr als 3,5 Stunden langen Marathon-Abend.
Zur Belohnung fürs Durchhalten gab es nach der ersten Stunde ein kleines Eiskonfekt für alle. Dies war auch der markanteste Auftritt von Publikumsliebling Lina Beckmann. Sie kroch unter dem Vorhang durch, erklärte die Umbaupause und dirigierte die Verteilaktion. Für die kommenden Stunden nach dem Prolog tauchte sie komplett ab.
Bis zum letzten Moment. Da schreitet sie langsam auf die Bühe, ganz in makellosem Weiß, die Königin des Schauspielhauses. Als größtmöglicher Kontrast zum düsteren Abschlachten der vorangegangenen Szenen und als stummer Cliffhanger für den nächsten Tag. Das kleine Einmaleins der Serien-Dramaturgie beherrschen Beier/Schimmelpfennig selbstverständlich.
Als es Sonntag Nachmittag in die 2. Marathon-Runde geht, sitzen uns auf einer wie bei ihm üblich gähnend leeren Bühne Lina Beckmann in legerer Jogginghose, Kristof van Boven, Devid Striesow und der neu hinzugestoßene Sebastian Blomberg auf weißen, schlicht-funktionalen Plastikstühlen gegenüber. Sie sinnieren über mögliche Anfänge und Handlungsverläufe in Kolchis nach der Ankunft von Jason und seinen Argonauten: ein kleiner Meta-Spaß über das Erzählen.
Statt Antiken-Blockbuster erleben wir in diesem Mittelteil „Medea in Kolchis“ eine lose Abfolge von Kabinettstückchen, die an Arbeiten von Thorsten Lensjng erinnert. Nicht nur, aber eben auch weil mit Blomberg und Striesow zwei Stammkräfte seiner Theater-Wahlfamilie auf der Bühne stehen.
Wenn Beckmanns Medea mit ihrem Jason (Striesow) schäkert und im Spaß besonders drastische Methoden ausmalt, wie ihr Vater (Blomberg) mit Freiern umgeht, kommt der Nachmittags-Slot langsam auf Betriebstemperatur. Blutig endet auch dieser Abschnitt, wenn Medea und Jason wie Bonnie und Clyde (Thea Dorn in einem Programmbuch-Essay) abhauen und Medeas Bruder (van Boven) diverse Gliedmaßen einbüßt.
Eine großzügige Pause von etwas mehr als 2 Stunden lässt sich angenehm in der Kantine verbringen. Es stellt sich nur die bange Frage: Kommt nach all dem Vorgeplänkel noch was? Die klare Antwort: Ja, ein langersehntes, fulminantes Finale. In den knackigen 95 Schlussminuten laufen sowohl Autor Schimmelpfennig als auch Publikumsliebling Beckmann zu großer Form und auf und brettern eine fulminante „Medea in Korinth“-Version hin, die gegenüber Euripides und Grillparzer starke eigene Akzente setzt.
Die mythische Medea-Figur bekam spätestens seit Seneca ein äußerst negatives Framing: sie sei eine barbarische Zauberin und eine rasende Kindsmörderin, die vor keinem Zivilisationsbruch zurückschrecke. Schimmelpfennig und der Hamburger Marathon knüpfen an modernere Lesarten des Postkolonialismus und Feminismus an. Wer sich tiefer einlesen will, findet dazu in den beiden umfangreichen Programmbüchern zu „Fremde Sonne“ viel Material.
Verzweifelt kniet Beckmanns Medea zu Beginn des finalen Teils und schildert ihr Seelenleben: sie fühlt sich von Jason verraten und in der Fremde allein und ausgegrenzt. Eine tief verletzte, perspektivlose Seele klagt ihr Leid, ringt um Auswege, bekommt aber nur eine Abfuhr, vom aalglatten Jason (Striesow) ebenso wie von Kreon, den der erkrankte Michael Wittenborn spielen sollte, für den im letzten Teil Samuel Weiss einsprang.
Beckmann, die oft auf die Rolle der Komödiantin mit großem Herz und großer Schnauze abonniert scheint, zeigt sich hier als große Tragödin, die die Facetten und Gedanken ihrer Figur so plausibel erlebbar macht, dass als nachvollziehbare letzte Option nur noch bleibt, zum Äußersten zu gehen und die Kinder mit in den Abgrund zu reißen.

Ein kurzer comic relief mit Wolfram Koch, der eigens für seine kleine Szene als Gast engagiert wurde, erscheint verzichtbar und unterbricht den atmosphärisch dichten Spannungsbogen nur unwesentlich. Ein toller Effekt ist, dass Beckmann immer wieder in den Saal brüllt und ihr ein Echo aus Sängerinnen und Schlagwerk-Spielerinnen aus allen Ecken von Parkett und Rang antwortet.
So furios habe er Beckmann noch nie erlebt, der letzte Teil des Marathons „lässt einem das Blut gefrieren“, gab der Theatertreffen-Juror Falk Schreiber in seiner Nachtkritik zu Protokoll. Eine logische Konsequenz wäre, dass Beckmanns „Anthropolis II: Laios“-Solo im Jahr 2024 auch dieses „Medea in Korinth“-Herzstück der „Fremde Sonne“-Serie in die 10er-Auswahl des Theatertreffens eingeladen werden sollte.
Die drei Teile von „Fremde Sonne“ wurden am 26./27. September 2026 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt, für Februar 2027 ist noch ein Satyrspiel angekündigt, das den Antiken-Marathon abrundet.
Bilder: Monika Rittershaus