Wohlgeordnet scheint das Leben des Unternehmers Gleb in einem russischen Provinzstädtchen. Er lebt mit seiner attraktiven Frau Galina und dem gemeinsamen Sohn in einer großzügigen Villa am See. Zu den größeren Alltagssorgen des gutsituierten Paares zählt es, dass die Obsternte im Garten dieses Jahr mager war und die nächste Paketstation nur mit dem Auto zu erreichen ist. Zum Glück eröffnet eine neue Alternative ganz in der Nähe. Das andere Problem ist schwerer zu lösen: die Ehe wird nur noch als lustlose Routine weitergeführt.
Doch wir schreiben den Herbst des Jahres 2022. Putin hat bekanntlich im Februar jenes Jahres seine als „Spezialoperation“ bezeichnete Vollinvasion auf die Ukraine gestartet. Statt eines schnellen Vormarsches auf Kyiv geriet der Angriff ins Stocken, dringend wurde neues „Kanonenfutter“ benötigt. Der Kreml ordnete eine Mobilmachung an. Die Videos von Männern, die panisch zur georgischen Grenze flohen, gingen viral.
Das ist der Kontext für das Polit-Drama „Minotaurus“, das Andrey Zvyagintsev mit Co-Drehbuchautor Simon Lyashenko im französischen Exil drehte. Betont langsam beginnt der Film und beschleunigt sich auch in den folgenden 141 Minuten kaum. Die Zustandsbeschreibung von Putins Russland verzahnt Zvyagintsev geschickt mit dem parallelen Handlungsstrang der Eifersucht von Gleb, als er von der Affäre seiner Frau mit einem Fotografen erfährt.
Klassisch-elegant wie ein französischer Psychothriller ist „Minotaurus“ erzählt und im Abspann legt der Regisseur auch offen, welche Vorlage ihn zu diesem Werk inspirierte: „Die untreue Frau“ (1969) von Claude Chabrol.
„Minotaurus“ ist sicher stilistisch kein bahnbrechend-innovatives Werk, zählt aber zu den sehenswerteren Filmen des aktuellen Cannes-Wettbewerbs, der nach Meinung vieler Beobachter hinter dem Niveau der letzten Jahrgänge zurückblieb. Im Mai 2026 durfte er sich über den Großen Preis der Jury freuen, den zweitwichtigsten Festival-Preis nach der Goldenen Palme für „Fjord“.
Nach einer überstandenen schweren Erkrankung und neun Jahre nach seinem letzten Film meldete sich Zvyagintsev mit seiner 4. Einladung in den Cannes-Wettbewerb zurück und bewies, dass er weiterhin zu den interessantesten russischen Filmemachern gehört.
Diese Woche wird „Minotaurus“ beim Filmfest Hamburg präsentiert, am 5. November will MUBI die arte/ZDF-Koproduktion ins Kino bringen.
Bild: Anna Matveeva