Ein Lesevergnügen ist Vincenzo Latronicos Roman „Perfection“: geschrieben im Corona-Lockdown, als Abgesang auf eine untergegange Zeit.
Wehmütig, lakonisch und mit leiser Ironie beschreibt der in Rom geborene Wahlberliner das Paar Anna und Tom, ein italienisches Paar, das irgendwas mit Design, Grafik und Medien macht, in einer damals noch erschwinglichen Neuköllner Wohnung lebt und die Freiräume genießt, die Berlin in den 2000er und 2010er Jahren genießt.
Ganz ohne Dialog kommt diese präzise Zustandsbeschreibung aus. Maike Albath hat in einer Besprechung für den Deutschlandfunk treffend herausgearbeitet, was diesen Roman ausmacht: er ist ein „Berliner Stilleben“, das „Bild an Bild reiht“.
Was die Volksbühnen-Dramaturgie an diesem Stoff reizt, ist offensichtlich. Eine so treffsicher-kluge Beschreibung über ein Berlin, das „over ist“ (Regisseurin Anta Recke) im Programmzettel-Interview, liest man selten.
Doch wie macht man daraus einen Theaterabend? Über weite Strecken wird der Text deklamiert, in einem häufigen Wechsel aus Deutsch und Englisch, ohne Übertitel, dafür häufig nuschelnd und mit starkem Akzent. Die schlechte Akustik im nach langer Renovierung neu eröffneten Prater an der Kastanienallee tut ihr Übriges. Selten sind längere Passagen mal glasklar zu verstehen, die an René Polleschs Chorprojekten geschulte Inga Busch, die als Gast weiter am Haus ist, kommt mit den widrigen Umständen am besten zurecht.
Die Stärke des Textes, das genaue Hinsehen und Beschreiben, gehen verloren, wenn man eine zweistündige Strichfassung ohne überzeugendes Regie-Konzept versanden lässt. Marta Dyachenko hat eine Arena mit Sitzgelegenheiten und Kunstgalerie-Flair gebaut. Die Spieler mischen sich munter ins Publikum, Benjamin Radjaipour hat den Intendanten der Berliner Festspiele als sein Versuchsobjekt auserkoren. Zärtlich hält er ihn im Arm, während er eine Passage über das routinierte Sexleben von Anna und Tom vorträgt.
In solche kleinen Brüche und Gags rettet sich Anta Reckes hilflose Regie. Hier ein kleiner wortloser Ringkampf, dort eine Cover-Version des Hiphop-Hits „Alors en danse“, die Szenenapplaus erntet. Das Publikum atmet sichtlich auf und ist für jede Abwechslung von den lieblos abgespulten Textmassen mit um so mehr Texthängern dankbar.
Kurz vor Schluss wird das Publikum durch den Saal gescheucht und auf neue Plätze gesetzt: ein Perspektivwechsel sei wichtig, Mit eindimensionalem Frontaltheater hetzt das Team noch durch den Schluss der Roman-Vorlage.
„Perfection“ hatte am 2. Oktober 2026 im Prater der Volksbühne Premiere und wird dort bis 12. November gespielt.
Bild: Lee Everett Thieler