House of Hopes

Bereits seit Wochen bestimmte Matthias Lilienthals Neustart an der Volksbühne die Schlagzeilen in Berlin. Nach dem Volksbad mit Pommes-Vorgeplänkel begann die Spielzeit am 1. Oktober standesgemäß mit einem großen Spektakel: Megastar Florentina Holzinger herself eilte zwischen all den Auftritten von Venedig bis Melbourne herbei. Ein Glücksgriff von René Pollesch war es, dass er sie ans Haus band und zu einem Aushängeschild am Rosa Luxemburg-Platz entwickelte.

Fast eine halbe Stunde später als geplant seilten sich die wie üblich nackten Performerinnen ab. Zu den Live-Klängen einer Electro-Violine putzten sie die großen Lettern über dem Eingang. Beschwörende Parolen, die dazu gerufen wurden, waren nicht eindeutig zu verstehen, gaben der Performance etwas Ritualhaftes. Eindeutig war das breitbeinige Statement von Lilienthal, der schon in den 1990er Jahren Chefdramaturg und stellvertretender Intendant war, und Holzinger, die in seinem neu geschaffenen Advisory Board sitzt: Das! Ist! Jetzt! Unser! Haus! 

Zum Finale spritzen drei gewaltige Fontänen aus dem trockengelegten Volksbad auf. Drinnen wurde das Publikum in diverse Kleingruppen geteilt und auf zweistündige Wanderschaft durch das „House of Hopes“ geschickt. 1989 war bekanntlich nicht nur in Berlin ein Glücksmoment des Aufbruchs, sondern weltweit schien die Demokratie auf dem Vormarsch. Ein Irrtum, wie sich im historischen Rückblick herausstellt.

Im typischen Rimini Protokoll-Stil konzipierten Stefan Kaegi/Daniel Wetzel mit einem Dramaturgie-Trio und den bewährten Experten des Alltags szenische Miniaturen, in denen mittlerweile in Berlin lebende Menschen schildern, was sich 1989 in ihren Herkunftsländern oder der Heimat ihrer Eltern abspielte.

Auf die Nerven geht die Penetranz, mit denen das Publikum an jeder Station zum Mitmachen aufgefordert wird. Das stetige Winken, Hüpfen und Interagieren ist hier jedoch wichtiges Bauprinzip. Die Szenen bieten Infotainment-Häppchen und sind genauestens getimed. Dieses präzise Handwerk verdient Respekt, auch wenn man sich nicht zu einer Sternstunden-Hymne wie André Mumot im DLF-Fazit-Gespräch hinreißen lässt. Jede Gruppe erlebt eine vorgegebene Auswahl von je sieben der 10 Miniaturen und wird dabei selbst zum Akteur. Die Gesten und Aktionen der Gruppen treten miteinander in Beziehung und wirken im unterschiedlichen Kontext jeweils neu. Auch das hat Rimini Protokoll bereits in den „Situation Rooms“ (Theatertreffen 2014) vorexerziert.

Entdeckung des Eröffnungs-Parcours ist der aus den USA stammende PoC-Tänzer Corey Scott-Gilbert, neu im Ensemble, der in seinen Interventionen in mehrere Miniaturen hineinschwebt und als einziger ausdrücklich auf das Treffen der Berliner Theaterschaffenden im Oktober 1989 hinweist, das in die Großkundgebung wenige Tage vor dem Mauerfall mündete.

„House of Hopes“ wurde am 1. Oktober in der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz uraufgeführt.   

Bilder zu House of Hopes: Bahar Kaygusuz; Bild zu House Wash: Mayra Wallraff

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