Was für ein Stoff: Hollywood-Star Robert Pattinson ist Co-Produzent und Hauptdarsteller dieses Psychogramms eines Reality TV-Journalisten, der in seiner Ruhmsucht und in seinem Aufklärungs-Furor weit über das Ziel hinausschoss.
Auf wahren Begebenheiten beruht das Drama „Primetime“, auch wenn Regisseur Lance Oppenheim im Abspann betont, dass er sich einige künstlerische Freiheiten nahm. Chris Hansen heißt der Moderator, der von 2004 – 2007 das Format „To catch a predator“ bei NBC präsentierte und heute nur noch seinen eigenen YouTube-Kanal betreibt.
Prinzip der Sendung war es, dass jugendlich aussehende Lockvögel wie Dan Plumb (Skyler Gisondo) Pädophilen eine Falle stellten. Sobald die Männer in die mit Kameras ausgestatte Villa kamen und voll Vorfreude die Hosen runterließen, schritt Hansen (Pattinson) mit triumphierender Geste die Treppe herab und stellte den Verbrecher vor einem Millionen-Publikum bloß.

Das Sendungsbewusstsein, aber auch die aasige Selbstverliebtheit von Hansen, der vom Jagdfieber gepackt nach immer spektakuläreren Fällen sucht, um sich im Einschalt-Quoten-Duell des damals noch linearen Fernsehens gegen den ABC-Serien-Hit „Lost“ zu behaupten, verkörpert Pattinson hervorragend.
Wie im wahren Leben kulminiert auch dieser Film im Suizid eines texanischen Staatsanwalts, der sich in Hansens Netz verfangen hat, was schließlich zum Aus für die Sendung führte. Auf der Esquire-Reportage „Tonight on Dateline This Man Will Die“ basiert dieses Drama.
„Primetime“ hat einen brisanten Stoff, de Dokumentarfilmer Lance Oppenheim in schnellen Schnitten rasant zuspitzt: ein sehenswerter Film ist ihm allemal gelungen. Aber ein großer Film ist es nicht geworden. „Primetime“ verschenkt sein Potenzial und wirft sich zu sehr ans Popcorn-Kino heran.
Bestückt mit einem übergroßen Eimer mampfte sich die Sitznachbarin durch die knapp zwei Kino-Stunden und ließ sich den Film von ihrem Begleiter halblaut erklären. Hilflos wirkt der Appell der Leonine Studios, dass man keine Urheberrechtsverstöße dulden werde. Natürlich passierte genau das bei der gestrigen Vorstellung im Filmtheater im Friedrichshain und ein Zuschauer filmte eine Passage mit seinem Smartphone mit. Wer schon seine Umgebung mit dem ständigen Kramen in der Popcorn-Box nervt, wird gegenüber den Künstlern und der Verleihfirma erst recht keine Rücksicht nehmen.
Oppenheim hat leider eine Chance verschenkt, wie auch Andreas Busche (Tagesspiegel) feststellte: die Sensationslust wird zum Selbstzweck. Die Analyse der medialen Strukturen, die diese Eskalation beförderten, kommt bei diesem Kino-Spaß zu kurz.
„Primetime“ hatte am 5. September 2026 im Wettbewerb von Venedig Premiere und startete bereits kurz danach am 24. September 2026 in den deutschen Kinos.
Bilder: A24