Es ist nicht mehr mein Problem!

66 Jahre wäre er am vergangenen Wochenende alt geworden: Christoph Schlingensief, einer der prägenden Köpfe von Frank Castorfs Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz zur Jahrtausendwende. Leider mit nur 49 Jahren viel zu früh verstorben.

Seine Witwe Aino Laberenz und Raphael Gygax haben die Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem! Macht eure Scheiße alleine!“ als gemeinsames Projekt des Museums für angewandte Kunst MAK/Wien, der Wiener Festwochen und der Berliner Festspiele im Gropius Bau kuratiert.

In der Berliner Version fehlt leider ein Highlight aus der Wiener Version. Der Nachbau des Containers im Big Brother-Stil, den Schlingensief im Mai 2000 unter dem Titel „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“ vor der Staatsoper aufstellte und mit der er sich seine erste Theatertreffen-Einladung ein Jahr später verdiente, reiste nicht mit nach Berlin. Stattdessen gibt es im Keller-Studio nur 1x täglich eine Video-Doku.

Im Lichthof des Gropius-Baus empfängt uns stattdessen die Rauminstallation „Kaprow City“, seine letzte Arbeit an der Volksbühne im Herbst 2006 schon nach der Krebsdiagnose. Anschließend geht es durch mehrere Räume des Erdgeschosses: die „Kirche der Angst“, die Schlingensief 2003 entwarf und zu seinem 2009 zum Theatertreffen eingeladenen Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ weiterentwickelte, steht als stumme Mahnung im Raum.

Eine echte Retrospektive ist diese Ausstellung nicht. Sie wirft Schlaglichter und bietet leider wenig Kontext. Menschen, die alt genug sind, werden sich nickend erinnern. Aber für die vielen Nachgeborenen wäre etwas mehr Input sehr sinnvoll. Seine Parteigründung „Chance 2000“ im Bundestagswahlkampf 1998, die in ein großes Spektakel am Wahlabend mit einer TV-Berichterstattungs-Parodie in der Volksbühne mündete, oder die „Freakstars“ (2002)-Parodie auf die damals boomenden Castingshows mit gehandicapten Teilnehmern wirken erst richtig, wenn man die Hintergründe kennt oder erklärt bekommt. Leider gibt es für die wenigen Führungen keine Möglichkeit zur Voranmeldung und leider sind sie vor Ort sehr schnell ausgebucht.

Am größten ist der Andrang vor dem Screen zu Schlingensiefs „Hamlet“ am Schauspielhaus Zürich: in der Mausefalleszene ließ er angeblich ausstiegswillige Neonazis auftreten und spielte damit auf ein EXIT-Programm des Innenministers Otto Schily an.

So liefert der Schau einige Häppchen, aber wenig Vertiefung. Als Rahmenprogramm bietet die Volksbühne im Prater am 20. November 2026 eine Filmvorführung und ein Nachgespräch mit den beiden Aushängeschildern Sophie Rois und Martin Wuttke sowie Kerstin Grassmann, die mit ihrer markant-kratzigen Stimme durch diverse Schlingensief-Volksbühnen-Arbeiten gastierte.

Zum Glück durfte ich ihn noch einmal live auf der Bühne erleben: schon schwer von seiner Krankheit gezeichnet zog er wenige Monate vor seinem Tod in Gregor Gysis Matinee-Reihe am Deutschen Theater Berlin in drei Stunden Bilanz. Was würde er wohl zu den Umwälzungen sagen, die sich seit den noch recht übersichtlichen 2000er Jahren in unserer Polykrisen-Gegenwart ereigneten? Wie wäre z.B. seine Haltung zur „Zeitenwende“, zum Angriff auf die Ukraine, zu BSW und AfD?

Die Wiener Version war vom 12. Mai bis 13. September zu sehen, in Berlin läuft die leicht angepasste Ausstellung im Gropius Bau seit 9. Oktober 2026 noch bis zum 17. Januar 2027.

Bild: Foto © Gropius Bau, Luca Girardini / Kunstwerk © Nachlass Christoph Schlingensief

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