Mata Leão

Flávio Bolsonaro jr. hat Brasilien gerade verlassen. Zu Donald Trump, einem ideologischen Weggefährten der Familie, flüchtete er sich nach der verlorenen Stichwahl gegen Lula.

Statt der Rückkehr in autokratische Strukturen, unter denen die brasilianische Gesellschaft, vor allem die Kunstszene seit dem Wahlsieg von Jair Bolsonaro sr. im Herbst 2018 litt, ist die Bühne nun wieder frei für die selbstbewusst-queere Expressivität.

Damals, als in Brasilien der Rechtspopulismus an die Macht kam, lernte sich das Choreographen-Duo Davi Pontes und Wallace Ferreira in Rio de Janeiro. Mit „Repertorio No. 1-3“ wurden sie zu Lieblingen der Festival-Szene: ihre aktivistische Wut transformierten sie in körperbetonte, stets nackte Performances, die das Publikum direkt konfrontierten.

Erstmals machen sie nun auch in Berlin Station mit einer Auftragsarbeit an Matthias Lilienthals Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz. Diesmal treten Pontes/Ferreira nicht allein auf, sondern gemeinsam mit sechs Performer*innen, von denen einige in Berlin leben, aber niemand fest ins Ensemble der Volksbühne engagiert ist.

Einen gewaltigen Catwalk hat Celeste Burlina ins Parkett hineingebaut, der fast bis Reihe 15 reicht und der vor allem während der ersten Hälfte des 80 Minuten kurzen Abends sehr intensiv genutzt wird. Das Oktett schreitet in schillernden und glamourösen Kreationen, die das Duo gemeinsam mit Djuna Reiner entworfen hat, und einer Extra-Portion Slay wieder und wieder die Rampe hinauf, wirft kokette Blicke ins Publikum, setzt aber nur sehr selten zu wirklicher Interaktion mit uns an.

Aus der Kultur von Ballroom und Voguing stammen die Bewegungsmuster. Jener Kultur, der René Pollesch während seiner jäh beendeten Intendanz Raum gab und die im Sternfoyer als Intro zu seiner Gedenkfeier im April 2024 für Aufsehen sorgte.

Nur in Spurenelementen kommen hingegen die Kampfsport-Elemente vor, auf die der Titel anspielt: „Mata Leão“ bedeutet „den Löwen töten“ und ist, wie wir im Programmheft lernen, ein Würgegriff aus dem Jiu-Jitsu. Auf der Bühne, auf der im Halbrund auch ein paar wenige Zuschauer sitzen dürfen, zeigen die Performer*innen ein etwas breiteres Bewegungs-Repertoire als in den Catwalk-Szenen.

Spaß macht es, diesem bunten Treiben an der Schnittstelle von Tanz und Performance zuzusehen. Lilienthal öffnet mit der vierten Premieren-Position seiner noch jungen Intendanz programmatisch das Haus für eine Ästhetik, die man in Berlin bis dato eher am von ihm gegründeten HAU oder in der Performing Arts Season der Berliner Festspiele verorten würde.

Spürbar ist aber auch, dass Pontes/Ferreira und ihr Team bei aller Voguing-Power doch noch etwas mit angezogener Handbremse agieren und den Teil des Publikums, der aus Sprechtheater-Blase kommt, am leider nicht komplett ausverkauften Rosa Luxemburg-Platz nicht überfordern wollen. Das Flirten und das Posen bleiben stets auf sicherer Distanz, auch die schweißtreibende Nacktheit wird nur angedeutet.

Spannend wäre es, nun auch ihr radikaleres Debüt „Repertorio Nr. 1-3“ in einem Gastspiel erstmals in Berlin zu sehen.

„Mata Leâo“ wurde am 29. Oktobe 2026 an der Volksbühne uraufgeführt und wird einem mehrtägigen „School of Self-Defense“-Festival aus Workshops und Partys begleitet.

Bilder: Gil Corujeira

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert