Skandinavisches Kino aus der Schneewüste: die makabre Mafiakomödie „Einer nach dem anderen“ und das Familiendrama „Höhere Gewalt“

Passend zum kalten Ostwind kamen in dieser Woche zwei skandinavische Filme in die Kinos, die in langen Schneewüsten-Einstellungen schwelgen und auf den A-Festivals in Berlin und Cannes für Furore sorgten.

Hans Petter Molands Einer nach dem anderen lief im Berlinale-Wettbewerb 2014 unter dem norwegischen Originaltitel Kraftidioten und war für Kritik und Publikum mit seinem rabenschwarzen Humor eine willkommene Abwechslung zur schweren Kost politisch ambitionierter Gesellschaftsdramen.

Der wortkarge Hauptdarsteller Nils (Stellan Skarsgård) ist Schneepflugfahrer in den Weiten Nordnorwegens und schwört den Mördern seines Sohnes Rache. Dieser ließ sich durch unglückliche Umstände in ein schief gelaufenes Drogengeschäft mit Kleinkriminellen verwickeln und wurde übel zugerichtet tot aufgefunden. Der recht eindimensional gestrickte Plot nimmt daraufhin seine aberwitzige Fahrt auf: Zwei rivalisierende Mafiaclans verstricken sich immer tiefer in eine Blutfehde. Der Titel verspricht nicht zu viel: einer nach dem anderen stirbt, die Handlung wird nach jedem Mord für einige Sekunden mit einer Abblende und einem Kreuz auf schwarzem Grund mit dem Namen des Getöteten unterbrochen.

Manche Gags sind etwas platt, die Charaktere stark überzeichnet: der eine Clan wird von einem veganen Schönling (Pål Sverre Valheim Hagen) geleitet, der durch den Scheidungskrieg und den Streit ums Sorgerecht mit der Ex (Birgitte Hjort Sørensen, bekannt aus der dänischen BorgenSerie) von seinen Geschäften abgelenkt wird. Sein Konkurrent ist der Pate einer Balkan-Bande: Bruno Ganz verliert noch weniger Worte als Skarsgård.

Trotz einiger netter Einfälle plätschert diese makabre „Leichen im Schnee“-Komödie mit etwas zu wenig Tiefgang und zwei unterforderten Stars des europäischen Autorenkinos vor sich hin.

Lohnender ist Höhere Gewalt, der vierte Film des in Deutschland noch recht unbekannten schwedischen Regisseurs Ruben Östlund. Die Reihe Un certain regard des Festivals in Cannes unterstreicht einmal mehr ihren Ruf als Fundgrube für cineastische Entdeckungen.

Höhere Gewalt überzeugt durch eine stimmige Exposition in einem Winter-Wellness-Resorts in den französischen Alpen: eine scheinbar glückliche Kleinfamilie genießt die kurze Auszeit vom Job in einem Luxushotel in schneesicherer Lage… Bis eines Tages eine Lawine nicht nur die Touristen bei der Mittagspause aufschreckt, sondern alle vermeintlichen Gewissheiten, Selbstbilder und eingespielten Rituale der Eltern Tomas (Johannes Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kingsli) unter sich begräbt.

Östlund wurde in manchen Kritiken mit Meistern des psychologischen Kammerspiels wie Ingmar Bergman und Michael Haneke verglichen. Diese Fußstapfen sind ihm noch etwas zu groß, da er an einigen Stellen der Gefahr nicht widerstehen kann, schlicht zu überziehen, z.B. als sich der Familienvater als wimmerndes Häufchen Elend am Boden wälzt, oder Ebba allzu sehr als hysterische Zicke erscheint.

Dennoch zählt Höhere Gewalt zu den sehenswerten Filmen dieses Kinoherbstes, der mit einem gelungenen Soundtrack und packenden Szenen bis zum Schluss fesselt.

Einer nach dem anderen. – Norwegen, 2014. – 115 Minuten

Höhere Gewalt. – Schweden, 2014. – 118 Minuten

Kinostart: 20. November 2014

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