Fräulein Else

Mit einer großen Portion Wiener Charme, Schmäh und Lässigkeit, also drei Faktoren, die auch Salzburg so gerne hätte, aber nicht erreichen kann, spielte sich Julia Riedler, geboren in dem erzkonservativen Festspiel-Städtchen, an die Spitze der deutschsprachigen Theaterwelt.

Während der für Österreich zuständige Theatertreffen-Juror Martin Pesl in seiner Nachtkritik noch sehr verhalten blieb, waren Margarethe Affenzeller (Standard) und der aus Leipzig angereiste, neu in die TT-Jury berufene Vincent Koch, der zufällig eine der ersten Vorstellungen im Volkstheater Wien sah, von Beginn von der Qualität dieses ungewöhnlichen Abends überzeugt.

Es folgte ein Siegeszug, wie er selten zu erleben ist: im vergangenen Sommer wurde Julia Riedler zur Schauspielerin des Jahres gekürt, im Herbst folgten zwei Nestroy-Preise für die Darstellerin sowie für die Regisseurin Leonie Böhm, im Mai 2026 war „Fräulein Else“ beim Gastspiel im Berliner Ensemble ein rarer Höhepunkt eines bis dahin sehr zähen Theatertreffens.

Das Bemerkenswerte an diesem 90 Minuten kurzen Abend ist es, wie gut es gelingt, Stand up-Comedy mit erstaunlich werktreuen Passagen der Arthur Schnitzler-Novelle von 1924 zu einem nachdenklich-unterhaltsamen Empowerment-Erlebnis zu verknüpfen.

In einem historisierenden Kostüm mischt sich Riedler von Minute 1 an im Parkett unters Publikum, das fast permanent angesprochen und angespielt wird. Selbst das notorisch reservierte Theatertreffen-Publikum lässt sich erstaunlich bereitwillig auf das Spiel ein und von Riedler um den Finger wickeln. 

Die Novelle spitzt sich auf die Frage zu, ob Else dem Übergriff von Dorsday nachgeben soll: er wird ihren verschuldeten Vater nur dann mit 30.000 € (im Original Gulden) vor dem Gefängnis retten, wenn sie sich vor ihm auszieht.

Auch Riedler zieht sich am Ende bis auf den grünen Slip aus, aber nicht als Opfer. Sie nimmt das Publikum als „Kompliz*innen“ (O-Ton Publikumsgespräch) mit in die Villa des übergriffigen Mannes und konfrontiert ihn mit seinem Missbrauchs-Verhalten. Reichlich unwahrscheinlich ist, dass dieser seinen Fehler einsieht und in einem „Laberflash“ (ebenfalls O-Ton) Besserung gelobt. Julia Riedler alias Fräulein Edler darf unter drei Kronleuchtern auf der sich endlich weitenden Bühne zu kitschiger Schlagermusik in eine bessere Zukunft ohne #metoo-Vorfälle und mit sexuellem Selbstbewusstsein tanzen. So weit, so typisch Leonie Böhms Handschrift.

Das Besondere an diesem Abend ist, dass Böhm/Riedler an ihrer bewährten Arbeitsweise festhielten, die bisher meist nur zu halbgaren oder banalen Ergebnissen führte, diesmal aber eine sehr sehenswerte Inzenierung hervorbringt: Im Publikumsgespräch erzählten sie davon, dass sie schon zu gemeinsamen Schauspielschul-Zeiten davon träumten, diesen Lieblingstext von Riedler zu bearbeiten. Wie üblich war ihre Herangehensweise sehr ergebnisoffen, spielerisch und inklusiv. Bei früheren Böhm-Inszenierungen wie „Die Räuberinnen“ oder „Antigone“ endete dies in Kindergeburtstag oder fremdschämreifem Slapstick. 

Doch diesmal gelingt dieser Ansatz: statt weniger Stichworte aus dem Klassiker, die sich in assoziativem Brei verloren, nimmt „Fräulein Else“ das Grundgerüst als Vorlage für ein virtuoses Solo der Protagonistin.

Kay Voges gab kurz vor Ende seiner Intendanz am Volkstheater Wien dem Duo Böhm/Riedler, die nur Gäste am Haus waren, die Chance, ihre „Fräulein Else“ am 8. Februar 2025 zur Premiere zu bringen. Er hat das Stück an seine neue Wirkungsstätte am Schauspiel Köln mitgenommen, aber auch sein Wiener Nachfolger Jan Philipp Gloger hat es im Repertoire behalten. Außerdem tritt „Fräulein Else“ seit dem 1. April 2026 auch regelmäßig an Barbara Mundels Münchner Kammerspielen auf. Dort war Riedler 2015-2020 während der Intendanz von Matthias Lilienthal fest im Ensemble engagiert. Wenn er im Herbst die Volksbühne in Berlin übernimmt, soll „Fräulein Else“ auch dort auf dem Spielplan stehen. Abzuwarten bleibt, wie gut dieses intime, vom engen Kontakt mit dem Publikum auch in diesem gewaltigen Bühnenraum am Rosa Luxemburg-Platz funktionieren wird.

Beim TT-Gastspiel am Berliner Ensemble gab es viel Applaus für „Fräulein Else“, ärgerlich war nur die sich für den Nabel der Welt haltende Sitznachbarin, die demonstrativ las statt der Vorstellung zu folgen und trotz deutlicher Hinweise weiter mit ihrem Handy störte und nur schnippisch reagierte. Solch rücksichtslos-selbstbezogene Zeitgenossinnnen, die weder willens noch in der Lage sind zu begreifen, wie sehr sie stören, machen einen Theaterbesuch zum Albtraum. Aber der Klasse von Julia Riedler ist es zu verdanken, dass ihre Performance auch unter so widrigen Bedingungen bestehen kann.

Bilder: Armin Smailovic

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