Solche emotionalen Aufwallungen sind selten: nach dem Theatertreffen-Gastspiel schallen dem Basler „Glasmenagerie“-Team laute Buhrufe entgegen. Ein Grüppchen hält mit ebenso lautem Jubel dagegen. Eine Jublerin reckt dem Buhrufer gar den Stinkefinger entgegen.
Was hat die junge britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart nur angerichtet, dass die Stimmung derart hochkocht? Die nüchterne Antwort: Gar nichts, sie hat lediglich einen lauwarm-unentschiedenen Abend eines nur noch selten gespielten acht Jahrzehnte alten Klassikers von Tennessee Williams inszeniert.
Die drei vorangegangenen Stunden plätschern mit einigen Längen dahin, immerhin zwei Regie-Einfälle sind zu verzeichnen, die beide allerdings recht plakativ ausfielen: in einem brutalistisch-kahlen Setting fristet die dreiköpfige Familie Wingfield in ebenso hässlichen rosa Leggins. Als Jim (Julian Anatol Schneider) zum Abendessen eingeladen ist, träumt Mutter Amanda (Hilke Altefrohne) schon davon, dass der Arbeitskollege von Tom (Jan Bluthardt) der ideale Partner für ihre verschüchterte Tochter Laura (Antoinette Ullrich) wäre. Sie stürzt sich in die Vorbereitungen und für die kurze Phase der Illusion, in der sich die Wingfields von ihrer Schokoladenseite präsentieren wollen, senkt sich ein etwas opulenteres Bühnenbild herab, das sofort wieder hochgezogen wird, als die Wingfields erfahren, dass Jim längst mit einer Betty verlobt ist und der Traum von der guten Partie platzt.
Der zweite Regie-Einfall sorgte für größere Heiterkeit: Der gesamte Abendessen-Tisch wurde auf den Power Plates platziert, die im vergangenen Jahrzehnt als Fitnessgeräte für Manager mit wenig Zeit angepriesen wurden. Die gedeckte Tafel beginnt zu zittern, das Geschirr purzelt durcheinander, auch die Figuren werden durchgeschüttelt. Ein sehr plastisches Bild für die äußerst fragilen Traumwelten, in die sich Amanda und ihre Kinder flüchten, die bei der kleinsten Erschütterung zu Bruch gehen.
Ein Grundproblem der Inszenierung ist, dass sie Woodcock-Stewart nicht entscheiden kann, was und wie sie es erzählen will. Unvermittelt springen die Szenen zwischen dem angestaubten Text von Tennessee Williams und Gegenwarts-Einsprengseln wie den Web-Videos, die sich Laura in ihrer Einsamkeit reinzieht, hin und her. Der Abend findet außerdem keine Linie, ob er vom Schicksal der Wingfields in realistischer Einfühlungs-Manier oder als Farce erzählen will. Auch hier schwankt er hin und her. In Berlin war die „Glasmenagerie“ zuletzt vor einem Jahrzehnt in einer ähnlich unentschiedenen Inszenierung von Stefan Kimmig am Deutschen Theater Berlin und in einer atmosphärisch überzeugenderen Bearbeitung von Katharina Thalbach, die in der Melodramatik des Schicksals von Laura Wingfield badete, für die Komödie am Kurfürstendamm.
Es ist sehr überraschend, dass sich die Schweizer Theatertreffen-Jurorin Alexandra Kedves erfolgreich für die Theatertreffen-Einladung dieser nur mäßig gelungenen Stadttheater-Arbeit einer Nachwuchs-Regisseurin einsetzen konnte. Bemerkenswert erscheint bis auf die rätselhafte Battle der gegnerischen Publikumslager an diesem matten Abend wenig.
Für Jaz Woodcock-Stewart war die Einladung jedenfalls ein gewaltiger Karrieresprung: 2021 gewann sie mit „CIVILISATION“, einem Abend über die Leere nach dem Verlust eines geliebten Menschen, beim Dresdner Fast Forward Festival. Ein Jahr später war sie zu Radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen. Wie wichtig diese beiden einer ungewissen Zukunft entgegensehenden Nachwuchs-Festivals als Sprungbretter für die weitere Entwicklung junger Künstler sind, zeigt dieser Fall exemplarisch: In Dresden wurde Woodcock-Stewart vom Basler Team entdeckt und für die „Glasmenagerie“-Inszenierung verpflichtet, die am 30. Januar 2025 in der Nordwestschweiz Premiere hatte. Kurz zuvor war Woodcock-Stewart noch im Londoner Westend als Regieassistentin/Associate Director von Thomas Ostermeier aktiv, der seine legendäre „Volksfeind“-Inszenierung der Berliner Schaubühne für wenige Vorstellungen in einer britischen Version adaptierte.
Bild: Lucia Hunziker