Wie aus einem ganz schlechten Film wirkten die Nachrichtenbilder, als im Dezember 2022 der Reichsbürger Prinz Reuß, eine ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete und Richterin sowie ehemalige Bundeswehrangehörige verhaftet wurden. Ihnen wird vorgeworfen, als „Patriotische Union“ den Bundestag ausgekundschaftet und einen Umsturz geplant zu haben.
Den seit 2024 laufenden Mammutprozess vor drei OLGs verfolgt Marie Schwesinger, die an der Schnittstelle von Theater und Journalismus arbeitet. In dieser Spielzeit ist sie Stipendiatin des WORX-Programms am Berliner Ensemble und durfte im Neuen Haus mit fünf Spieler*innen ein Recherche-Projekt zeigen.
In den etwas mehr als 90 Minuten bekommt man viele O-Töne der Angeklagten. Ihre Verteidigungsstrategie spielt die Treffen herunter, das sei nur ein loser Gesprächskreis gewesen. Viel Raum bekommen die Verschwörungstheorien: Abgründe eines kruden Weltbilds tun sich auf.
So entstehen einige interessante Schlaglichter, aber die beiden großen Schwächen des Abends sind: der Abend verharrt über weite Strecken in Frontaltheater vor antiker Stufen-Kulisse, bis sich am Ende der mythisch aufgeladene deutsche Wald herabsenkt und das Quintett altes Liedgut trällert. Das Radio-Feature für den DLF, an dem Schwesinger parallel arbeitet, ist wohl das geeignetere Format für ihr komplexes Recherche-Thema. Dort könnte es hoffentlich auch besser gelingen, die Hintergründe der Info-Häppchen zu beleuchten und die nachgespielten Gerichtsszenen einzuordnen. Einen ersten Schritt dazu machte die SZ-Journalistin Annette Ramelsberger im lesenswerten Programmheft-Interview.
„Sturm auf Berlin“ hatte am 7. Mai 2026 im Neuen Haus des Berliner Ensembles Premiere.
Bild: Moritz Haase