Patient Europa

Stephan Kimmig adaptiert am Deutschen Theater Houellebecqs Roman „Unterwerfung“

Für den Patienten Europa gibt es keine Hoffnung mehr. Diese düstere Bilanz kann man durchaus ziehen, wenn man die zahlreichen EU-Gipfel der vergangenen Monate und ihre mageren Ergebnisse Revue passieren lässt. Vor einem Jahr war dies schon die Quintessenz von Stephan Kimmigs „Don Carlos“-Inszenierung am Deutschen Theater.

Seitdem hat sich der Zustand Europas tatsächlich nicht gebessert. Im Gegenteil: bei den Beratungen, welches Land wie viele Flüchtlinge aufnehmen soll, drehten sich die Regierungschefs im Kreis. Statt Solidarität meist nur ein schroffes Nein.

Stellvertretend für ein kraft- und orientierungsloses Europa steht in Stephan Kimmigs neuer Inszenierung „Unterwerfung“ nach Michel Houellebecq der Literaturwissenschaftler Francois (Steven Scharf).

Er liegt lethargisch in seinem Bett und lässt die Anweisungen der Krankenschwester (Lorna Ishema) über sich ergehen. Ähnlich teilnahmslos lässt er die weiteren Figuren an sich vorbeiziehen: die reale Front National-Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen (mit blonder Perücke ebenfalls Lorna Ishema), ihren fiktiven Gegenkandidaten Mohammed Ben Abbes von der Bruderschaft der Muslime (Camill Jammal) und Aktivisten einer „Identitären“-Bewegung, die über die Videoleinwand flimmern.

Der Regisseur und sein Dramaturg David Heiligers waren sich des Problems dieses Theaterabends bewusst. In der Berliner Morgenpost sprachen sie wenige Tage vor der Premiere über die Herausforderung, „Leere zu zeigen, ohne dass es langweilig wird“. Das ist schon bei Schillers „Don Carlos“ vor einem Jahr nicht gelungen, als der Abend unter der Glasglocke erstarrte. Das glückt auch diesmal nicht. Im Lauf der zwei Stunden entsteht immer wieder Unruhe im Saal durch Zuschauer, die sich Richtung Ausgang durchkämpfen.

An diesem Abend wird viel zu wenig Theater gespielt. Eine weitere Schwäche von „Unterwerfung“ ist, dass er sich zu ausgiebig mit den Sex-Phantasien der depressiven Macho-Hauptfigur befasst anstatt sich auf die spannenden politischen Fragen, die der Stoff aufwirft, zu konzentrieren.

Dass Houellebecqs Roman „nicht dialogisch, sondern introspektiv“ angelegt ist, macht es für eine Theater-Adaption von vornherein schwer. Lohnender wäre eine Vortragsreihe, die sich den im Roman aufgeworfenen Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln nähert und vor allem auch über die Entwicklungen nachdenkt, die seit dem Erscheinen des Buchs im Januar 2015 (am Tag der Anschläge auf Charlie Hebdo) geschehen sind.

Weitere Termine von „Unterwerfung“ am Deutschen Theater Berlin

Bild: Arno Declair

 

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